Fian saß auf dem verwitterten Baumstumpf unweit der Taverne und starrte auf die wirren Windungen seiner alten Weidenlaute. Die Kälte der Moornebel kroch langsam, aber unaufhaltsam durch seine Kleidung, doch er spürte sie kaum. Sein Kopf fühlte sich an wie ein überfüllter Bienenstock. Es waren nur noch genau zwei Wochen bis zum nächsten Vollmond. Vierzehn Tage. Vierzehn schlaflose Nächte, und er spürte, wie das erst leise Ticken seiner Lebensuhr stetig lauter wurde.
Jedes sachte Rascheln des herabfallenden Laubs, jedes Knacken im Unterholz ließ seine Ohren zucken und jagte einen Schauer die Wirbelsäule entlang. Seit jenem stillen Morgentee auf der Veranda, als sie ihm so rauh ihre Klaue an die Kehle gepresst hatte, war er unfähig gewesen, auch nur einen wirklich klaren Gedanken zu fassen. Immer wenn er sich zu konzentrieren versuchte, hallten ihre Worte wie ein düsteres Echo in seinem Verstand wider: „Diese Entscheidungen wurden bereits getroffen, und der kleine Barde und Fian verlieren da nie wieder ein Wort drüber.“ Was bedeutete das? Sie hatte gesagt, der Tribut sei nicht aufgehoben, sondern es seien lediglich Entscheidungen getroffen worden, mit denen sie nun leben müssten. Er versuchte krampfhaft, sich einen Reim darauf zu machen. Eine Idee jagte die andere, und alle führten immer wieder an den einen Ort, wo sie das Netz zuziehen würde. Aber andrerseits teilt sie dann wieder Tee und sucht das Gespräch, will seinen Namen haben, irgendwie passt nichts zusammen. Und die ganze Nacht darüber zu brüten hat seinen Geist auch nicht gerade wacher werden, sondern ganz im Gegenteil: Er kommt immer wieder zum Schluss, dass ihn Vorsicht im Wald auf die letzten Tage, die ihm noch blieben, nicht unbedingt mehr erfüllen würden. Fian lachte leise und bitter in sich hinein.
Seine Finger strichen Saiten seiner Laute und dumpfe, erdige Töne klangen durch den Morgen. Ja, dachte er sich, für dich werde ich jetzt bald ein neues Heim finden müssen. Aber nicht heute. Er fing an zu spielen, fand jedoch irgendwie einfach nicht mehr die Ruhe, und seine Weidenlaute spürte das. Sie wollte einfach nicht. Er seufzte. Ob ’sie‘ überhaupt erstand, wie laut sein Fuchserbe ihm zuflüstert, was ihr gesamtes Theater mit den Besuchen und dem Aufpassen für ihn für ein unbegreifliches, grausames Spiel war – ein Joch, das ihn langsam, aber sicher verrückt machte? Fian verstand einfach nicht, warum sie ihn nicht in Ruhe lassen konnte. Sie sollte wissen, dass er sich zum vereinbarten Zeitpunkt am Feuerkreis einfinden wird. Und er war fest entschlossen, aufrecht diesen Weg zu gehen:
Als er ihr an jenem ersten Abend im Wald gegenüberstand, hatte er die Augen geschlossen, sein letztes Lied gespielt und auf den erlösenden Biss gewartet. Er ist seit diesem Abend dazu bereit, kein Feilschen, kein Betteln. Doch sie war gegangen und hatte ihn einfach zurückgelassen, alleine mit der Last der Ungewissheit.
Und was ist seitdem geschehen? Nichts, sie schleicht lediglich seit Wochen um ihn herum und macht sich nicht einmal die Mühe, sich zu verstecken; inzwischen spürt er bei allem was er macht diese eisblauen Augen und ihre Aufmerksamkeit im Nacken. Es war, als bewachte sie eine Beute, die sie nicht fressen durfte, nur um vor ihrem Rudel oder sogar den Ewigen nicht das Gesicht zu verlieren. Das zermürbt selbst die stärkste Seele irgendwann. Er hat schon überlegt, einfach von den Abgrund zu springen. Er würde fallen, einen kurzer Wimpernschlag absoluten Schreckens, und dann ist es vorbei. Die könnte dann mit seinem zerschmetterten Knochen machen, was immer sie für richtig hielte. Er sog die Luft ein und sie schmeckte nach Regen. Und er könnte schwören, dieser feine Duft Ihrer Fährte lag schon wieder wie ein eisernes Joch über ihm…

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