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Die Schattenmärchen

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… bis zur Unendlichkeit, und danach sehen wir weiter!

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Der Mentor

Posted on September 17, 2026 by admin

Der Eimer mit dem Quellwasser schwappte leise, als Fian ihn auf den Holzsteg vor der Hütte stellte.

Seine Unterlippe war geplatzt, das linke Auge stach blau-violett hervor, und jede Rippe brannte bei jedem Atemzug. Langsam schlich er durch die Tür rein, um die schlimmsten Verletzungen zu säubern. So schlich er zur Waschstelle in seinem Garten. Als er durch die Tür in den Garten ging, saß die Wölfin in der Morgensonne. Sie sah nicht einmal auf, als er herankam, doch ihre Nase zuckte, als sie den Geruch von frischem Blut wahrnahm. „Was ist passiert?“, fragte sie mit einer Mischung aus Neugier und Gleichgültigkeit. Fian drehte sich weg und versuchte, seinen Stolz zu wahren. „Nichts…“ antwortete er. Als sie aufstand und sein zerzaustes Gesicht musterte, verengten sich ihre Augen zu zwei schmalen Schlitzen: „Du wolltest Wasser holen von der Quelle. Was ist passiert.“ Fian schaute weg, doch sie packte grob seinen Kiefer und sorgte harsch dafür, dass sie Auge in Auge standen. „Ich warte…“, hauchte sie.

„Ach nur dieser verblödete Eber“, presste Fian hervor, wischte sich einen Faden Blut von der Wange und versuchte, so aufrecht wie möglich zu stehen. „Er … war nicht mehr betrunken.“ Die Wölfin schwieg für einen langen Herzschlag.

Dann entwich ihr ein leiser, fast unhörbarer Seufzer. „Tja“, murmelte sie trocken. „Ich bin davon ausgegangen, dass er seinen Kopf mit Met so stark beehren würde, dass er heute Morgen nicht mal mehr weiß, ob er Borsten oder Schuppen hat. Mein Fehler.“

Sie stand auf, strich sich mit einer fließenden Bewegung über die Flanke und trat an ihn heran. „Du bleibst hier. Im Garten. Hinter dem Zaun.“ Fian schnaubte leise. „Das ist *mein* Haus. Und *mein* Garten.“

„Das habe ich ja auch nicht abgestritten. Und das ist *deine* Gesundheit, wenn du noch einmal ohne Schutz zum Brunnen läufst“, entgegnete sie mit der Art Selbstverständlichkeit, die keinen Widerspruch duldete. „Setz dich ins Gras. Ich kläre das.“


Einige Stunden später klapperte der schwere Riegel an der Tür der Hütte.

Fian saß im Schatten eines Apfelbaums in seinem Garten, das Lederhalsband eng um den Hals geschmiegt, den Kopf an den Stamm gelehnt, und spielte mehr oder weniger motiviert mit seiner Laute.

Die Prellungen von diesem Vormittag begannen langsam zu pochen, was seine Laune nicht unbedingt verbesserte. Zumindest freute er sich, dass er nicht mehr alleine hier herumsaß, als er die Stimme der Wölfin hörte.

Sie trat durch die hintere Gartentür seiner Hütte. Und neben ihr stand ein alter, gewaltiger Wolf, dessen Schnauze von tiefem Grau durchzogen war. Während seine Ohren die Kerben zahlloser alter Kämpfe trugen, strahlten seine Augen eine ruhige, beinahe wohlwollende Weisheit aus. Und die Wölfin sprach mit dem Alten in einem Tonfall, den Fian noch nie an ihr gehört hatte – leise, sanft, liebevoll, und fast ehrerbietig. „Danke, dass du gekommen bist, Fresco“, sagte sie leise. „Für meinen Lieblingswelpen immer, Vel“, brummte der Alte mit einer Stimme wie mahlendes Geröll. „Du weißt, dass ich dir keinen Wunsch abschlagen kann. Außerdem bin ich neugierig, was an den Gerüchten mit deiner neuesten Jagdgurke dran ist.“ Fresco blieb mitten im Garten stehen. Seine Augen wanderten langsam von der aufrechten Gestalt der Wölfin hinab zu Fian, der reichlich lädiert, mit Halsband und feuchtem Umschlag auf den Rippen am Apfelbaum saß. Der alte Wolf hielt inne. Ein langes, tiefes, trockenes **„Oh …“** entwich seiner Kehle.

Er hielt im Schritt inne, legte den Kopf leicht schräg und wandte sich langsam zu Wölfin um. Sein Blick war eine unbezahlbare Mischung aus Nostalgie und amüsierter Neugier. Er stupste sie mit seiner Pfote neckisch an die Nase mit stummem „Na, was haben wir übersehen? …“.

„Vel…“, flüsterte der Fremde mit leiser Stimme und deutete vage Richtung Fian, „sag mir nicht, das Ding da ist dein neues Sonderprojekt. Warum machst du so was?“ Die Wölfin verzog keine Miene, doch die Spitzen ihrer Ohren zuckten einfach zurück. „Er hat Potenzial, Fresco. Ehrlich, er braucht nur ein wenig … Führung. Oder Zuspruch.“
Der andere Wolf fasste sich kurz an die Stirn, als ob er Kopfschmerzen hätte, und meinte leise: „Naja, wenn du meinst … aber ganz ehrlich, so eine Gurke ist eine echte ‚Vel‘ „.

Sie haute ihm den Ellenbogen in die Seite und flüsterte leise: „Benimm dich, Fresco.“ Dann trat sie bestimmt aus der Hütte, sah kurz zu Fresco und meinte trocken:

„Das ist Fresco. Er übernimmt das hier vorübergehend, und wird dich unterweisen. Ich werde unterdessen noch ein paar offene Dinge regeln.“ Damit drehte sie sich um und ging. Fresco musterte Fian von oben bis unten, sah das Halsband und schüttelte verwundert den Kopf. „Was soll denn dieser Quatsch mit dem Halsband hier?“, rief er ihr hinterher. Aus dem Hausflur schallte Vels Stimme zurück: „Wölfische Pädagogik! NICHT ANFASSEN!“

Die Haustür schlug zu.

Fresco blickte den lädierten Barden an, der ihn mit wachen, aufmerksamen Augen fixierte. „Aha…“

Hinter dem Bretterzaun bellte es fast sofort dumpf in den Garten: „ICH MEINE DAS WÖRTLICH!“

Fresco kippte ein Ohr nach hinten und rief laut zurück: „Wann hörst du endlich mit deinen berüchtigten ‚Vel-Gurken‘ auf, und gehst wie jeder andere Wolf einfach deinen Pflichten nach?“

„FINGER WEG!“, hallte es schnippisch hinter dem Zaun, ehe an dieser Stelle Stille einkehrte. Fresco seufzte tief. Er war hierhergekommen, weil Vel ihn so lieb gefragt hatte, sich ihren ‚Kleinen‘ mal etwas näher anzusehen, und ein paar Sachen beizubringen. Ein Gefallen unter alten Bekannten, mehr nicht. Aber jetzt stand er da, und spürte Fians neugierige Blicke, und fühlte sich irgendwie vollkommen provoziert, ihn Fragen stellen zu lassen. Und dieser kleine Barde sagte kein einziges Wort, doch seine Augen beobachteten den alten Wolf und warteten … auf was eigentlich? Schließlich  blinzelte Fresco, und legte den Kopf leicht schräg.

Das kühle Leder des Halsbands schloss eng um seinen Hals, sein linkes Auge war veilchenblau angelaufen und die Lippe geplatzt – aber in seinen Augen brannte diese unerträgliche Neugier. Fresco war sich nicht ganz sicher, was Fian jetzt verstanden oder sich gedacht hat. Fian sah den alten Wolf direkt an, und traute sich, schüchtern und leise, die Stille zu beenden. „Darf ich etwas fragen?“ Fresco sah zu ihm hinab und nickte langsam.

„Was sind ‚typische Vel-Gurken‘ ?“

Fresco blinzelte abermals, und sein Ohr zuckte überrascht nach hinten. Der sitzt da im Gras, trägt ein Lederhalsband, wie ein Haustier, und greift dann treffsicher nach dem einzigen Wort, das er nicht hören sollte. „Du hast Nerven, …“, meinte Fresco nach einer Weile kopfschüttelnd. Einen Herzschlag lang herrschte absolute Stille im Garten. Der alte Grauwolf starrte den lädierten Barden an, als hätte dieser ihm gerade in einer völlig fremden Sprache eine Beleidigung an den Kopf geworfen. Dann entwich Frescos Brust ein eigenartiges Geräusch, es hatte irgendetwas von ungläubigem Staunen und Amüsement. Und dann antwortete er schlicht: „Ja.“

„Das beantwortet die Frage nicht.“
„Weil die Frage falsch gestellt ist.“

Fian sah den alten Wolf mit großen Augen an: „Was wäre denn die richtige Frage.“

Er trat einen Schritt näher, blieb aber exakt außerhalb von Fians Reichweite stehen und legte die Stirn in schwere, narbige Falten. „Du hast die Frage doch selbst gestellt.“ Fian zuckte nicht einmal mit der Wimper. Er hielt Frescos Blick stand. Fresco seufzte. Ein tiefes, reibendes Geräusch aus den Tiefen seiner Lunge.

„Da musst du sie fragen.“ Dann wechselte er das Thema. „Also, worum sie mich gebeten hat, …“

[…]

Vela kam zurück und öffnete die Tür der Hütte. Drinnen in der Küchenstube saß Fresco und trank einen Tee. Alleine. Sie ging auf ihn zu und fragte neugierig: „Wo ist … “ – Sein vernichtender Blick sagte ihr sofort, dass etwas schiefgelaufen war. „Ok, ich sehe, du bist auf einen Fian gestoßen.“ stellte sie fest.

Er stand auf und schenkte ihr einen Tee ein. „Ich hoffe, deine Angelegenheiten sind geklärt?“, wich er mit einer Gegenfrage aus und ging in Richtung Garten. Vela sah sich um. „Fresco? Wo ist mein Schnuffel?“ – „Dein … *was*? Nur damit ich das verstehe: Du gibst dieser wandelnden Naturkatastrophe einen Kosenamen?“ Er schaute sie fassungslos an. Ihre Ohren klappen neugierig nach vorn: „Oh, so schlimm gewesen?“ Er sah sie wütend an. Und irgendwie auch nicht. „Offen gesagt, weiß ich es nicht ganz. Er ist einfach wirklich bemüht gewesen, das Richtige zu machen.“ Er setzte sich völlig genervt an den Apfelbaum im Garten, während Vela sich gemütlich ins Gras legte. „Ja, das ist echt faszinierend, oder?“ Sie streckte sich dann und drehte sich langsam auf die Seite, stützte das Kinn auf die Pfoten und sah den alten Wolf mit einem feinen, unverschämten Wölfe-Grinsen an. „Ich kenne diesen Blick, alter Freund“, sagte sie leise. „Genau diese Falte auf der Stirn hatte ich auch, als er das erste Mal versucht hat, mir das Schicksal zu erklären. Hat er mit dir den ‚lunaren Dienstplan zur Jagd‘ erörtern wollen?“

„Nein, das nicht, … Was für ein Dienstplan … ?“ Fresco schnaubte laut, und schüttelte irritiert seinen Kopf. „Vel, … ehrlich: Er ist eine absolute Katastrophe! Er ist stur, nervig, starrsinnig und gegen jeden vernünftigen Rat vollkommen immun. Und sein eifriges Denken bei dem Versuch, es richtig zu machen … du liebe Güte, alleine seine Versuche, es an der Ursache zu erklären, sind ein einziges Verbrechen an der Natur des Denkens an sich!“ Vela gluckste leise in sich hinein. „Stimmt. Aber du hast gemerkt, wie er hinsieht, wenn man ihn lässt, oder? Oder, was ich noch viel faszinierender finde, welche Schlussfolgerungen er dann zieht. Entweder erschreckend dicht an der Realität oder …“ – „Ja, genau, ODER! Du triffst den Kern der Sache. Entweder erkennt er alles korrekt und kommt folgerichtig zu einer grundlegend falschen Schlussfolgerung, die zu allem Überfluss aus seiner Perspektive richtig ist, oder aber er denkt abstrus in die ganz falsche Richtung mit einer Schlussfolgerung, die dann völlig irrsinnig ist, aber am Ende so gut funktioniert, dass man sie zähneknirschend stehen lässt“ Fresco brummte grimmig, konnte aber ein zähneknirschendes Nicken nicht verhindern. „Verflucht sei er … ja. Ich wette, sobald man weiß, wie man ihn anpackt und richtig führt, ist der Kerl überraschend einsichtig und lernwillig. Aber die abartigen Schleifen, die sein Verstand vorher dreht, bringen einen um den Verstand!“

„Ich weiß“, raunte Vel amüsiert, dehnte sich noch ein Stück weiter ins Moos und schloss die Augen. „Willkommen im Club, alter Freund. Und weißt du, was das Schönste im Moment ist?“ Fresco sah Vela genervt an, während sie sich ganz genussvoll im Moos streckte, und meinte: „Du hast ihn losgeschickt, etwas zu erledigen. Und für diesen Moment bist du verantwortlich …“ Sie zuckte mit einem Ohr zustimmend. „Ja. Bist du.“, und schloss ihre Augen.

Nach einer Weile fragte sie hämisch: „Und?“
Fresco knurrte. „Nichts und. Er kommt zurück.“
Sie nickte. „Wahrscheinlich.“
Er sah genervt in ihre Richtung: „Es ist erst eine Stunde vergangen. Entspann dich!“

Vela antwortete durch die geschlossenen Augen hindurch zustimmend: „Mhm. Und wenn es länger dauert, findet er schon einen Weg hierher, ohne in Schwierigkeiten zu kommen.“ Jetzt war es Fresco, der schnippisch reagierte: „Und selbst wenn etwas passiert wäre, er findet jemanden, der helfen kann.“

Vel reckte sich genussvoll im kühlen Moos: „Du magst ihn irgendwie, oder?“

Bevor er was sagen konnte, setzte sie sich auf, und schaute Fresco mit ihren blauen Augen wissend an. „Lass mich mal raten, wenn ich dich jetzt frage, warum. Dann einfach, *’weil’*: Man kann nie sicher sein, ob gerade ein Denkfehler passiert oder ein Geistesblitz.“ Fresco dachte einen Moment nach und meinte dann staubtrocken: „Als du ihn nach der Nummer mit dem Keiler gefragt hast, was hat er geantwortet?“

Sie sah ihn an: „Er hat zugegeben, dass das dumm war. Und dass er was übersehen hat.“ – „Und wenn ich ihn heute fragen würde?“ Sie legte die Ohren an und fragte: „Willst du das wirklich wissen?“ Er nickte, und sie dachte einen Moment nach. Dann antwortete sie mit einem hämischen Lächeln: „Ich glaube, so etwas wie ‚Der Keiler war eine Folgeerscheinung einer komplexen Kette aus Ereignissen, die möglicherweise mit Verantwortung, Loyalität, Tavernenkultur und meinen eigenen Entscheidungen zusammenhängt‘ … „

Fresco hob seine Pfote und Vela hörte auf zu reden: „Das ist doch totaler Unsinn!“

Sie legte sich hin und grinste überlegen. „Tja. Frag ihn nicht. Und weißt du was? Ich warte, bis er mich fragt, was ich geregelt habe. Und Fragen, das wird er … “ Fresco machte ein leicht nachdenkliches Gesicht: „Ich glaube nicht, dass er das speziell hinterfragen wird, nach dem, was er mir über den Waldsee erzählte. Er hat dir versprochen, zu vertrauen, „

Dann hob er seine Teetasse und prostete Vela zu: „Auf die kleine Nervensäge.“

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