Es war am späten Nachmittag, als ein dumpfer, grollender Ton den Boden unter Fians Pfoten erschütterte. Kurz darauf drang das panische Geschrei von Waldkreaturen durch das Dickicht – Ein Erdrutsch. Eine der alten Schieferhöhlen am Rande des Moores, deren Eingänge von nassen Wurzeln und morschem Holz gehalten wurden, war unter dem Gewicht aus Regen und Feuchtigkeit eingebrochen.
Fian dachte nicht lange nach und machte sich sofort auf den Weg zur Unfallstelle. Es herrschte das nackte Chaos. Mehrere Waldbewohner – darunter eine verzweifelte Dachsmutter – liefen kopflos im Kreis. „Sie sind da drinnen!“, schrie jemand. „Der Tunnel ist dicht, und das Erdreich rutscht weiter nach!“ Normalerweise Fian auf die kräftigen Wölfe oder die eher praktischen Füchse gewartet. Aber heute beschloss er, dass er etwas unternehmen könne.
Was sollte er denn verlieren, sei Leben vielleicht? Ob heute, gestern, oder morgen, das schien einfach nicht mehr wichtig zu sein. Sein eigenes Leben war ihm im Moment ohnehin völlig gleichgültig. Was war schon der Tod eines kleinen Barden wert, dessen Tage ohnehin bereits gezählt waren? Ohne auf die Warnungen der Umstehenden zu hören, warf er seine Laute ins feuchte Moos und kroch auf allen vieren in das enge feuchte Loch, das noch offen stand. Die Luft schwer von dem Geruch zerriebener Erde und Moor, wärend der Ganz erschreckend eng für ihn war.
Fian schob sich dennoch immer tiefer hinein, sein Herz hämmerte mit einer Kraft, die er noch nie zuvor gespürt hat – es war das pure Leben, das er erlebte. Noch einige Meter, und dann fand er sie: Junge Eichhörnchen, stumm vor Entsetzen, eingeklemmt zwischen zwei schweren Steinplatten. Mit der ganzen Kraft derer, die nichts zu verlieren haben, stemmte Fian die obere Platte hoch. „Schnell! Kriech raus!“, keuchte er. Die Kinder gehorchten, schlüpfte unter seinem Arm hindurch, und flohen in Richtung Tageslicht.
Fian wollte gerade die Steinplatten fallen lassen, als sich tief über ihm das Erdreich erneut bewegte. Ein trockenes, lautes Kracks fuhr durch die kleine Höhle. Nasser Schlamm und Gestein rutschten unvermittelt nach. Fian versuchte, sich zurückzuziehen, doch er war zu langsam. Eine schwere, scharfkantige Steinplatte seine Beine unter sich. Ein brennender, sengender Schmerz, schoss durch sein linkes Bein. Er war eingeklemmt. Gefangen im eisigen Grab des Waldes. Und dann wurde der Regen zu allem Überfluss immer stärker. Erst waren es nur vereinzelte, schwere Tropfen, die dumpf auf den Schlamm über ihm klatschten. Doch dann zeigte die Natur ihre unerbittlichen Klauen – der eiskalter Regen zog auf, und das Wasser sammelte sich immer schneller der eingestürzten Höhle, wodurch sich das Erdloch, in dem Fian gefangen war, zusehens füllte.
Das Wasser stieg schnell, es war eisig, schlammig und roch nach Verwesung und Tod der Moore.
Fian versuchte verzweifelt, den schweren Stein von seinen Beinen zu stemmen. Er zerrte, schlug mit den Pfoten gegen den Stein, bis seine eigenen Krallen an den Pfoten blutig zersplitterten, doch vergebens: Der Stein verweigerte jede nur erdenkliche Bemühung. Das Wasser erreichte seinen Bauch. Dann seine Brust. „Hilfe!“, wollte er rufen, doch dieser Geruch aus Verwesung und Tod schnürte ihm die Kehle zu. Seine Stimme, die sonst in der Taverne hell erklang, wurde im nassen Grab zu einem jämmerlichen, erstickten Nichts seiner selbst.
Der eiskalte Schlamm kroch ihm bis zum Hals. Er musste den Kopf in den Nacken legen, um die Nase über das Wasser zu ziehen, und seine Glieder wurden taub vor Kälte, während der Kampf mit der unendlichen Schwere des Ertrinkens ihr Ende ankündigte. Er war hilflos, ohnmächtig … und hielt inne. Also so endet es, dachte er bei sich. Nicht auf der großen, tragischen Bühne unter dem Vollmond, besungen von zukünftigen Barden. Sondern stumm, nass und unbemerkt im Schlamm einer namenlosen Höhle, So sei es dann… . Er schloss die Augen und ließ den Atem entweichen. Das Wasser stieg über seinen Mund. Die Dunkelheit umfing ihn …
Plötzlich explodierte die Finsternis.
Ein gewaltiges Reißen, das Knirschen von Stein auf Stein und das brutale Platschen von aufgewühltem Wasser rissen ihn aus dem Schleier seiner Ohnmacht – und im letzten, schwindenden Moment seines Bewusstseins sah er sie: In der schwarzen, schlammigen Fluten erschienen zwei glühende, eiskalte Sterne aus reinstem Glas – Augen, die ihn mit einer unbegreiflichen Wildheit erblickten. Zwei starke Pfoten packten ihn im Nacken. Und eine rohe, unbarmherzige Kraft riss ihn aus dem Schlamm. Der Stein, der seine Beine gefangen hielt, wurde mit einem lauten Splittern beiseitegeschleudert. Irgendjemand hatte ihn aus den tiefen der Höhle gezogen, hinein in den strömenden Regen des späten Nachmittags. Fian stürzte in den Schlamm, hustend, keuchend und das schlammige Wasser aus seinen Lungen speiend. Seine Kleider waren völlig durchnässt, seine Pfoten mit den gesplitterten und blutigen Klauen waren mit Schlamm bedeckt. Er saß einfach nur da, völlig erschöpft, unfähig, sich zu bewegen. Er blickte auf und erstarrte:
Vor ihm stand sie, diese eine weiße Wölfin.
Ihr sonst so makellos weißes Fell war mit Schlamm und Blut bedeckt. Sie atmete schwer, ihre Brust hob und senkte sich in einem wilden, unkontrollierten Rhythmus. Und dann geschah etwas, das Fian in all den Wochen ihrer Begegnungen niemals für möglich gehalten hätte. Sie trat einen Schritt vor, hob ihre schwere Pfote und verpasste ihm eine massive, schallende Ohrfeige.

Der Schlag traf ihn mit voller Wucht, doch es war nicht die tödliche Klaue, die sein Fleisch forderte. Es war pure Wut, und sie traf so heftig, dass Fian auf der Lichtung im Schlamm landete. Als er sich mühsam aufrichtete und sich die brennende Wange hielt, sah er sie an – und hielt den Atem an. Da war keine erhabene Kälte in den blauen Augen. Ihre Ohren waren flach an den Kopf gelegt, ihre eisblauen Augen spiegelten kein Raubtier, das Beute mustert, sondern er blickte einfach in ihre Augen, die ihn vorwursvoll anguckten. Fian verstand die Welt nicht mehr. Der Schmerz, die Kälte und die aufgestaute Wut der letzten Wochen brachen aus ihm heraus. „Warum?!“, schrie er sie an, und seine Stimme krächzte heiser. „Warum tust du das?! Warum rettest du mich, verdammt noch mal?!“ Sie stand regungslos im Regen, das Wasser lief an ihrem Gesicht herunter, doch sie wich seinem Blick nicht aus. „Was soll das alles?“, schrie Fian weiter, und Tränen der Wut mischten sich mit dem Regen auf seinem Gesicht. „Meine Zeit ist doch ohnehin gezählt! Das hast du mir doch oft genug gesagt! Und schleichst seit Wochen um mich herum, beobachtest mich bei jedem Schritt. Du wartest doch nur darauf, dass der Vollmond kommt, damit du dein rituelles Spiel beenden kannst! Warum lässt du mich dann nicht einfach in dieser Höhle mein Schicksal selber wählen?!“
Die Wölfin schloss für einen Moment die Augen, und als sie sie wieder öffnete, war diese eisige blaue Kälte wieder zurück. „Eben… weil.“, flüsterte sie, und ihre Stimme war so leise, dass sie fast im Rauschen des Regens unterging. „Was?! ‚Eben weil‘?! Das ist alles, was du zu sagen hast?!“, tobte Fian, während er versuchte, im schlammigen Boden Halt zu finden. „Weißt du eigentlich, wie schlimm das für mich ist? Du schleichst ständig in meiner Nähe herum. Du tust so, als wäre ich dein Eigentum, oder dein kleines, dressiertes Haustier für die Taverne! Und ich sitze da und und bin am Verzweifeln! Was soll das, bewachst du deine Beute wie ein fettes Stück Fleisch, damit du vor deinem Rudel und den Ewigen nicht das Gesicht verlierst, weil du mich beim ersten Mal hast laufen lassen?“
Die Wölfin machte einen plötzlichen, schnellen Schritt auf ihn zu. Sie beugte sich so tief zu ihm hinab, dass er ihren heißen Atem auf seinem Gesicht spüren konnte. Sie tippte ihn herb auf die Stirn. „Mach endlich deine Augen auf, du Blindfisch!“ Ihre Stimme zitterte vor Wut. „Guck doch endlich mal hin, was wirklich da ist! Schau mich an! Und hör verdammt noch mal auf, ständig neue, sinnbefreite Theorien mit deinem Bardenkopf zu basteln, um dir Dinge zu erklären, die du nicht erlebt hast. Woher will dein kleiner Kopf denn wissen, was wahrhaftig ist, wenn deine Gedanken ständig neue Erklärungen und Bilder für dich malen? Du willst diesen Weg gehen? Dann geh ihn! Du willst lieber jenen gehen? Dann gehe jenen! Du weißt nicht, welcher der vielen Wege der richtige ist? Dann entscheide dich für den Weg zu fragen! Aber es bleibt, wie es ist: Es gibt hier keinen richtigen oder falschen Weg! Den hat es nie gegeben, und das ist nun einmal die bittere Wahrheit hinter all deinen bunten Geschichten und Ideen, warum etwas so ist wie es ist!“ Dann drehte sie sich um und ging einfach. Langsam und erhaben. Er starrte ihr nach, sprachlos. Ihrer Worte jedoch hallten langsam durch den Nebel seiner Gedanken.
Kann es sein, war ihre dauerhafte, scheinbar bedrohliche Anwesenheit vielleicht gar kein Ritus der Jagd? Einige Meter entfernt setzte sich wortlos auf einen nassen, grauen Stein im Regen. Sie sah ihn nicht mehr an. Sie starrte einfach nur stumm in das graue, wabernde Moor hinaus, wärend der Regen unauförlich leise klackend auf das Moos des Waldes fiel.
Fian wusste nicht, wie langer er so im Schlamm saß, aber die Kälte kroch immer tiefer in seine Knochen, wärend dieser lähmende Zorn in seiner Brust langsam erlosch. Was blieb, war eine gähnende, eisige Leere. Er sah zu der weißen Gestalt hinüber, die auf dem Stein saß und ihn keines Blickes würdigte. Irgendwann fasste er den Mut, und stand mit auf. Jeder Schritt tat weh, sein linkes Bein blutete. Er schleppte sich langsam über das nasse Gras, bis er neben dem Stein stand, auf dem sie saß. Vorsichtig, fast schüchtern, setzte er sich neben sie auf das kalte, feuchte Moos neben den Stein. Sie rührte sich nicht, stellte nicht einmal die Ohren auf und ließ ihn einfach im grauen Dämmerlicht des späten Nachmittags verloren an ihrer Seite sitzen.
Nach einer kleinen Ewigkeit, der Regen wusch den Schlamm langsam aus ihrem weißen Fell, drehte sie den Kopf zu ihm um. Ihre eisblauen Augen durchdrangen das fahle Licht der Dämmerung. „Hast du dich wieder gefangen?“, fragte sie leise.
Fian blickte hinunter auf seine zitternden Pfoten. Irgendwie hatte er keine klugen Worte, keine Lieder oder Theorien über Dienstpläne der Mondin oder sonst etwas dergleichen, das man sagen könnte. „Nein“, antwortete er ganz leise, und seine Stimme versagte fast. „Ich kann nicht mehr. Ich weiß einfach nicht weiter.“ Nach endlos wirkenden Sekunden, in denen nur das Rauschen des Regens zu hören war, senkte die Wölfin sacht ihr Haupt. Sie sah ihn lange an, mit einem Blick, der tiefer in seine Seele schnitt wie kein Messer es je gekonnt hätte. „Und weiter?“, fragte leise. Fian schloss die Augen, zog die kalte Luft ein, „Kein einziger Weg, den ich für mich sehen kann, führt wohin.“, antwortete er und legte seine Pfote vorsichtig in ihre Nähe. Sie bemerkte seine Pfote, aber sah ihn einfach nur an. „… und?“, fragte sie. Er senkte seine Ohren, als er sprach: „Ich … Ich kann das nicht alleine. … Und habe einfach angst.“ Er sah sie nach Hilfe suchend an. Schließlich legte sie ihre Pfote sanft auf seine, und antwortete bedächtig: „Schau an, mein kleiner Barde hat eine Entscheidung getroffen und ist bereit, Verantwortung für seine Worte zu übernehmen?“ Er senkte erst seinen Kopf und nickte dann stumm. Dann sagte er mit zitternder Stimme: „Ich lege mein Leben in deine Pfoten. Ich werde dem Weg folgen, den du mir zeigen wirst, wo immer er hinführt.“
Sie nahm mit der anderen Pfote sanft seinen Kiefer und hob seinen Kopf; ihre eisblauen Augen brannten in die Tiefen seiner Seele, als sie sprach: „Mein kleiner Barde, du bist nicht alleine. Ich stehe an deiner Seite und werde dich auf diesem Weg führen, wo er für dich auch immer enden wird. Für jetzt, leere einfach deinen Kopf, und lausche dem Regen. Er klingt so beruhigend und schön. Und dann schlafe ein Weilchen. Und wenn morgen der Tag erwacht, rede ich, und du wirst lernen.“
Dann wurde ihr Blick unvermittelt finster, als eine Kralle aus ihrer sanften Pfote fuhr, und in die seinige schnitt: „Doch wehe dir, wenn du jemals ohne meine Erlaubnis solch ein Wagnis wie dieses hier eingehst, …“

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