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Die Schattenmärchen

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FIANS Lautenmusik – 415 Hz – Lass Hertzen!

Posted on Juli 2, 2026Juli 2, 2026 by admin

 

Hallo Freunde

Du liebe Güte, schon wieder hier versammelt… Es gibt auch was schönes zu berichten: Fians Lautentuner hat jetzt offiziell die Version 2.0 erreicht. Ich habe ein paar interessante Funktionen mit hinzugebastelt, von denen ich glaubem dass sie schön sind. Nun gut, setzt Euch doch an mein Lagerfeuer, schenkt Euch ein GlasWasser ein und schenkt mir Eure Aufmerksamkeit. Auch wenn es heute ein wenig technisch wird, keine Sorge, es lohnt sich. Wir tauchen ab in ein echtes musikalisches Mysterium. Und es gibt mal etwas mehr zu lesen ^^

Es geht um einen Begriff, der in der Welt der historischen Instrumente wie ein heiliger Gral vor sich hergetragen wird:

Die ominösen 415 Hertz Barockstimmung.

Wer sich eine Laute zulegt, stolpert unweigerlich über diese magische Zahl. Auch ich habe mich darüber schon ausgelassen. Meistens taucht diese komische Zahl in Kombination mit ehrfurchtgebietenden Begriffen wie „Französischer Barockstimmung nach F“ auf, oder man wird als Neuling gerne belehrt, das diese Stimmung typisch für „das Mittelalter“ war, warum das auch immer so ist… .

Zusammengefasst, Mythen gibt es ohne Ende, und natürlich auch Ansätze, dieses zu erklären. Aber man darf immer nicht vergessen, dass „die Mittelaltermusik“ oder „der Mittelaltermarkt“ irgendwann in der Mitte der 1980er Jahre wieder zurück in die Gesellschaft gekommen ist, und in dem Sinne keine wirklich gelebte neuzeitlich Geschichte hat. Und wenn man jetzt einfach mal pragmatisch nachdenkt, wie haben die wandernden Barden im frühen Mittelalter eigentlich auf 415 Hz gestimmt, so ganz ohne Stimmgeräte und Heinrich Hertz, nach dem die Hz ja benannt sind? 

Die Antwort darauf ist eigentlich sogar grandios einfach, es ist ein industrieller Etikettenschwindel, nicht mehr und nicht weniger

Der Mythos des mittelalterlichen Stimmtons

Wie genau war denn frühmittelalterliche Musik, also wenn so ein Barde durch das Land zog? Ja, es gibt Aufzeichnungen, und Chronisten, die das beschrieben haben, die Wahrheit aber ist: Es weiß keiner, wie diese Musik klang, und dieser „absolute Stimmton“ ist eine hartnäckige Legende, die in der Neuzeit geprägt wurde. Niemand wusste, wer oder was „Hertz“ ist. Wenn ein Barde in eine Taverne kam, richtete er die Stimmung seines Instruments nach ganz anderen Dingen aus:

  • Die örtlichen Gegebenheiten
  • Das Wetter 
  • Die Stimme des Sängers oder Erzählers
  • Die Stimmung des Ortes und der Gäste
  • Und was nicht alles rein subjektives Zeug

Wenn man sich Wandermusiker überhaupt an etwas orientierte, dann wohl neben der Erfahrung am ehesten am örtlichen „Chorton“ – also an der Orgel der Kirche, und deren Pfeifen klangen eben so exakt, wie der Orgelbauer sie für das jeweilige Kirchenschiff berechnet hatte oder bauen konnte. War es also an einem feuchtkalten Wintermorgen an einem Lagerfeuer im Wald schwer, die hohen Töne zu treffen, stimmte der Musikus sein Instrument eben einfach tiefer, oder ganz anders, eben so wie es passte. Erst sehr viel später behalf man sich mit kleinen hölzernen Stimmpfeifen oder nahm Instrumente mit relativ fester Bauweise als Referenz.

Woher kommen also diese ominösen „415 Hz“?

Eigentlich aus dem Kniefall gegenüber dem industriellen Pragmatismus der Neuzeit:

Als im 20. Jahrhundert die historische Markt-Musikkultur überraschend wiederbelebt wurde, gab es ein Problem. Auf einmal waren historische und historisch angehauchte Musikinstrumente begehrt, und es keinerlei Infrastruktur oder größer angelegte Erfahrungswerte. Mit steigender Stückzahl und aufkeimender Serienfertigung brauchte man einen Standard. Dieser „Standard“ richtete sich als Konsequenz auch an der Erwartungshaltung der Marktbesucher aus, und deren Leitbild waren eben Historienfilme und natürlich Hollywood: Rauschpfeiffen, Trommeln, Fanfahren, also laute dumpf wummernde Musik auf der Straße für das Volk vs. höfische Hochkultur mit feinen Klängen in den Burgsälen, wo von Liebe und Romantik gesäuselt wurde.  Es hat sich also was schleichend aus einem Klischee heraus etabliert:

Die 415 Hz liegen mathematisch exakt einen Halbton unter unserem heutigen genormten Kammerton von 440 Hz.

So konnten moderne Instrumentebauer mit einer verschiebbaren Tastatur arbeiten: Ein Klick nach rechts, und man spielte auf „Barock“ oder „Mittelalter“. Das klang „fremd, aber nicht zu fremd“, und passte daher eben so in das Weltbild, konnte gut genormt und standardisiert werden. 

Wenn ich also sage, ich spiele in „französischer Barockstimmung nach F auf 415 Hz“, meine ich übersetzt:

Ich spiele eine etwas größere F-Laute mit einer bestimmten Intervall-Gewichtung, aber der Einfachheit halber auf den „modernen Standard-Barockton“ – was immer das auch sein mag – geeicht, damit ich nicht völlig sinnlos für mich ganz alleine in der Wildnis spiele, weil (ja passt sogar im Jahr 2026) irgend ein Hansel mal vor 40 Jahren erfolgreich 415 Hz als „dieses Mittelaltergedönsel“ eingeführt hat und alle mitgezogen haben, einfach weil keiner es besser wusste und es abgedreht alt klang.

Ja, und jeder Instrumentenbauer wird jetzt weinen  : Hierzu gibt es auch einen passenden „Bullshit“-Disclaimer, oder auch Kunst vs. Handwerk genannt.

Und damit wird es auch langsam spannend. Wenn wir uns moderne Instrumente anschauen (wie meine Laute, auf der ich spiele), sind diese kompromisslos auf den modernen Markt genormt. Damit stellt man sicher, dass egal wo auf der Welt, Musikinstrumente harmonisch passen. Es wurde irgendwann einmal von der Musikindustrie festgelegt:

Ja, die Referenz ist Kammerton A, 440 Hertz, und basta!

Auf der Basis rechnet ein Instrumentenbauer, und ab Werk kommen diese Instrumente in der Regel mit einem Saitensatz, der exakt auf eine G-Stimmung mit hellen 440 Hz berechnet ist. Wenn man nun – so wie ich – die Mechanik und Physik ignoriert, und diese Werksbesaitung auf eine tiefere F-Stimmung. und dann auf 415 Hz herunterkurbelt, ist das laut Hersteller eigentlich völliger Bullshit:

Physikalisch betrachtet provoziert das eine sogenannte mechanische Impedanz-Fehlanpassung. Den Saiten fehlt schlichtweg die statische Spannung, um die Resonanzdecke optimal anzuregen. Nicht nur, dass die G-Seite einen ganzen Ton runtergestimmt wird, ich lege durch die 415 Hz sogar noch einen halben Ton obendrauf. Das hat Konsequenzen: Das Instrument funktioniert plötzlich wie ein Tiefpassfilter und würgt kurzerhand die hellen Obertöne ab.

  • Für den Instrumentenbauer ist das Sabotage.
  • Für mich als Barde ist es mein persönlicher künstlerischer Fingerabdruck.

Warum sollte die „falsche“ Besaitung genau richtig sein?

Ehrlich gesagt, ist die Frage hier falsch gestellt – es geht hier um zwei völlig unterschiedliche Ansätze, und beide haben ihre Berechtigung:

 

440 Hz in G (Hersteller-Norm)

415 Hz in F (Tavernen-Norm)

Atmosphäre

Kammerkonzert & Hofmusik

Lagerfeuer, Marktgeschen & rustikaler Pub

Klangfarbe

Hell, strahlend, fast steril

Rauchig, dumpf, erdig

Spielgefühl

Robust, modern und Reproduzierbar

Hyper-sensible Diva mit eigenem Willen

Auf modernen 440 Hz und korrekter Tonlage schnalzt der Ton sicher und perkusiv fast wie bei einer Gitarre aus dem Korpus, das Instrument steht so unter Zugkräften, dass es sich technisch durchsetzt. Super für Kammerkonzerte oder große Hallen, wo ein heller Klang und technische Perfektion benötigt wird, aber diese hellen klaren, fast sterilen Töne opfern das, was man mit einer Laute in Verbindung bringt:

Ein atmendes Instrument, dass sich einen Partner wünscht.

Hier schließt sich dann auch der Kreis… Der dumpfe, unterspannte 415-Hz-Ton räumt das Frequenzspektrum auf. Er webt einen dunklen, wabernden Teppich aus Mitteltönen, auf dem ein rauer Gesang thronen kann, ohne maskiert zu werden. Aber seid gewarnt: Zwingt man die Laute in diesen Spannungsabfall, wird sie zur absoluten Diva.

Wer jetzt mit robuster Lagerfeuer-Gitarren-Attitüde hart in die Saiten langt, erzeugt nur scheppernden Klangmatsch. Das Instrument bestraft jede Hektik und verlangt plötzlich eine flüsternde, ehrfürchtige Kontrolle in den Fingerspitzen.

So weit so gut, dass sind „Industrie-Standards“, aber da kann man doch bestimmt noch mehr drann drehen?

Ja, kann man tatsächlich – aber es muss einem klar sein, dass in dem Moment, wo man die Standards verlässt, das Instrument eben auch sehr individuell wird, und nicht mehr einfach so mit anderen Instrumenten kombinierbar sein kann.

  • Instrumente wie eine Geige können sich darauf einstellen.
  • Manche Flöten lassen sich über den Hals nachjustieren,
  • Ein Bordhrán atmet mit dynamischen Spannungsveränderungen beim Trommeln. 

Das Filigrane ist der „goldene Schnitt“: Um genau diesen Punkt zwischen dumpfen Tönen und eben dieser steriler Brillanz zu finden, muss man einen Stück weiter gehen, denn eine perfekte Stimmung ist kein Schalter, sondern als Dimmer!

Jetzt wird es philosophich, mein Ansatz ist dieser: 

Schritt 1: Das Fundament legen

Ich starte mit einem Lautentuner stur auf 415 Hz. Damit habe ich die maximale Dunkelheit und ja, die meisten Musikinstrumente wie auch meine Laute können mit 415 hertz noch arbeiten, aber man muss mit Abstrichen leben. 

Schritt 2: Den Nebel lichten:

Nun nehme ich ein Referenzgerät und kurbel die Spannung der tiefen Bass-Saiten (die bei 415 Hz extrem schlackern) nach oben, oft in Richtung 425 Hz. Das reicht überraschenderweise schon aus, dass die tiefen Saiten nicht mehr so zickig sind und sich stabilisieren. 

Der persönliche Sweet-Spot:

Der ist tatsächlich wetterabhängig, und liegt auch bei der Tagesform der Laute selber. Ich höre exakt in dem Moment auf, in dem das unkontrollierte „Wummern“ der Bässe aufhört, und die Saiten anfangen, kernig zu „knurren“.

Klingt jetzt komisch, aber das kann man wirklich hören und sogar im ganzen Corpus der Laute spüren, vor allem im Ausklang der gespielten Saite. 

Alle anderen Saiten nachziehen:

Das dauert eine Weile – bis alle Saiten sich wieder beruhigt haben. Durch die Holzsteckwirbel bekommt man sowieso nicht alle Saiten wirklich perfekt hin, aber das Ziel ist irgendwo bei 425 Hertz… 

Damit habe ich meinen eigenen Standard gefunden. Das Rauchige bleibt, allerdings ohne diese dumpfe Nuance. 

Die unverkennbare Signatur des Barden

Diese eigenwillige Manipulation der Stimmung bringt uns übrigens wieder dahin, was ich unter ->  Leise Lauten – Wissenswertes über die Spielmethode <- so schön mit meiner Erzählung über die absolute Individualisierung des Instruments angeschnitten hatte:

Dadurch, dass ich die Laute gezielt in dieser unterspannten Grauzone halte, wird sie zu einer physischen Erweiterung von mir selbst. Kein anderer Musiker könnte dieses Instrument einfach in die Hand nehmen und sofort fehlerfrei darauf spielen. Er würde entweder die schlaffen Bässe zum Schnarren bringen, den fehlenden Widerstand der Saiten monieren, oder aber „seine“ Cantino hat nicht die Brillianz, die er haben will.  Das Instrument erfordert nun meinen spezifischen, zurückhaltenden Anschlag. Es ist genau diese hochgradige, fast schon starrsinnige Individualisierung der Physik, durch die ein Barde damals wie heute seine unverkennbare, einzigartige Klangsignatur in die Welt getragen hat.

Diese Vorgehensweise hat auch noch einen anderen Effekt

Einen massiven Vorteil hat das Stimmen auf 415 Hz übrigens noch, den euch kein Lehrbuch verrät: Es ist eine mechanische Lebensversicherung für mein Instrument.

  • Die Holzwirbel einer Laute sind reine Steckwirbel, und haben keine Übersetzung.

Alles, was man eindreht, wird im Verhältnis 1:1 umgesetzt. Wer das erste Mal eine Laute stimmt und an den Wirbeln kurbelt, unterschätzt diese direkte Hebelwirkung fast immer. Man dreht einen Millimeter und schießt klanglich meilenweit übers Ziel hinaus. Da neue Saiten sich in den ersten Tagen ohnehin extrem dehnen, reißen sie gnadenlos, wenn man ungeduldig versucht, sofort stramme 440 Hz zu erzwingen. Genauso ist es auch, wenn man die Laute in unterschiedlichen Wetterbedingungen stimmen will. Bei Feuchte quellen die Holzwirbel leicht auf und man benötigt mehr Kraft und schon ist es passiert.

Wer den initialen Zielton aber tief unten bei 415 Hz ansetzt und nachjustiert, muss vielleicht mehrfach nachstimmen, aber setzt auf eine gewaltige physikalische Knautschzone. Selbst wenn man jetzt überdreht, landet man höchstens im 430 Hz – ein Bereich, den die Laute, die Saiten und der aufgeleimte Steg problemlos aushalten. 

In diesem Sinne:

Zwingt dem Instrument keine Norm auf, sondern findet den Klang, der Eure Geschichte trägt.

Bis zum nächsten Mal am Lagerfeuer!

Euer Fian

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