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Die Schattenmärchen

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Eine Frage des Standpunkts

Posted on August 21, 2026August 21, 2026 by admin

Fian legte das Pergament mit dem Rezept neben das Brot, das er gebacken hatte, und sah sich das Ergebnis an. Ja, irgendwie sah das in etwa so aus, wie er das aus der Taverne kannte. Er schaute in einem Schrank nach einem Korb, um alles zusammen zu transportieren, und dachte nach. In Ordnung, die Pfote tat ihm immer noch weh, aber irgendwie hatte es ihn immer wieder aus seinen Gedanken gerissen, weil es schmerzte. Er wurde mit ganz anderen Problemen konfrontiert – denn wer kann schon richtig Teig kneten, wenn… Bei dem Gedanken musste er sogar über sich selbst schmunzeln. Ja, irgendwie freute er sich darauf, das Ergebnis mit ihr zu teilen, denn unter diesen Bedingungen war selbst das Brotbacken eine echte Herausforderung gewesen. Und dafür sah das, was er da hinbekommen hatte, echt gut aus. Ja, besser geht immer, zugegeben. Aber das sollte jetzt weniger das Problem sein.

Und das Schönste an der ganzen Sache kam ja erst noch… Denn das Brot hatte auf dem Weg zur Taverne sogar noch Zeit, etwas auszukühlen und fester zu werden. Damit würde es nachher perfekt sein, wenn… ja, wie eigentlich? Würde sie essen und er zuschauen? Oder würden sie zusammen essen?
Daraus ergab sich jetzt gerade eine ganz wichtige Frage: Was musste er eigentlich an Tellern und Besteck einpacken – für eine oder für zwei Personen? Er musste schmunzeln. Die Frage hätte er vielleicht schlauerweise vorher stellen sollen, hatte er aber nicht. Aber irgendwie freute er sich darauf, diese Frage nun stellen zu können.

Oder wäre es zu dreist, einfach zwei Teller herauszunehmen?

„Vorbereitet sein ist wichtig“, dachte er sich, und so packte er lieber Teller, Besteck und auch Trinkbecher für zwei ein. Nichts wäre schlimmer, als mit leeren Pfoten dazustehen. Dann kam die schwierigste Frage: Nahm er seine geliebte Weidenlaute mit? Er war ja auf dem Weg zu… eigentlich wusste er gar nicht, zu was. Es war eine völlig andere Art von Stress, die er gerade erfuhr. Er probierte es aus und doch – er konnte ein wenig spielen. Nicht so wie sonst, aber es klang wirklich gar nicht so schlecht. Und so beschloss er, sich mit dem Weidenkorb, seinem roten Umhang und seiner Laute auf den Weg zur Taverne zu machen. Und ja, er wusste genau, wo… es gab da mehrere Möglichkeiten, wo sie sein würde. Er dachte nach. Was hatte sie gesagt? Zur 18. Stunde bei der Taverne. Da gab es nur einen Ort: dort, wo sie sich das erste Mal begegnet waren.

Und so machte er sich auf den Weg zur Taverne.

Sie saß geduldig dort, wo er es vermutet hatte, vor der Taverne, etwas abseits, und wartete. Als sie ihn kommen sah, hob sie neugierig den Kopf und musterte ihn. „Schau an, … da ist er ja. Wie geht es dem Bein?“ „Ach eigentlich ganz gut, es tut halt weh“, antwortete er. Dann betrachtete sie seine Laute. „OH, eine Laute?“ Er stellte den Korb ab und kratzte sich verlegen am Ohr. „Naja, also ich habe gedacht, also…“ Sie guckte ihn mit ihren blauen Augen neugierig an. „… Was gedacht? Wenn du nur gedacht hättest, wäre die jetzt nicht hier.“ „Ja gut, gedacht, gemacht, also ist ja auch egal, was ich gedacht habe, ich habe sie auf jeden Fall mitgenommen. Ich weiß auch nicht, warum.“

Sie sah ihn noch einen Moment an und zuckte dann mit ihren Schultern. „Deine Entscheidung. Ich bin neugieriger, was es so im Korb zu entdecken gibt.“ Er stellte seine Laute ab und überreichte ihr vorsichtig den Korb. Sie schaute ihn etwas irritiert an. „Was genau wird das gerade?“ Seine Ohren klappten nach hinten. „… Naja, das Brot, also und… Rezept…“ Während er fast im Boden versank, saß sie beneidenswert erhaben vor ihm, schaute ihn an und sagte nach endlosen Momenten bedächtig: „Ja.“
Sie stützte ihren Kopf auf ihre Pfoten und sah zu ihm hoch.

Nach weiteren gefühlten Stunden fragte sie schließlich: „Und nu? Du willst mir doch jetzt nicht sagen, dass du hierher gekommen bist mit einer Laute auf dem Rücken und einem Korb mit… sieh an… Teller und Besteck für zwei… um dann… was zu tun?“ Er erstarrte unter ihrem erwartungsvollen Blick. Und sie hatte mit ihrem Blick recht – so weit hatte er gar nicht gedacht, und er war sich sehr sicher, dass sie das genau wusste!

Er wollte nur vorbereitet sein für den Fall, dass sie etwas sagt. Er schluckte und brachte leise heraus: „Also, ich dachte an… Gesellschaft leisten? Also ich meine, das Brot schmeckt alleine nicht so gut wie…“

Sie sah ihn mit ihren kühlen Augen an. „Gesellschaft leisten? Das hättest Du auch ohne Brot machen können.“

Er versuchte das Thema zu wechseln, aber sie hakte mit ruhiger Stimme nach: „Ich habe übrigens nie gesagt, dass du Brot backen sollst. Ich habe auch nie gesagt, dass Du hier sein sollst. Und ich bin neugierig: Warum stehst Du hier, was möchtest Du?“ Sie stützte ihren Kopf auf ihre Pfoten und sah ihn einfach nur an. So stand er ihr gegenüber, sie guckte ihn entspannt an, und irgendwie überkam ihn das Gefühl… „Findest Du die Situation gerade witzig?“, rutschte es ihm heraus.

In ihrem Gesicht erschien für einen Moment der Hauch eines Lächelns, ehe sie antwortete: „Gewissermaßen schon, und willst du wissen wieso? Ein Barde, ein Meister des Worts, einer, der es gewohnt ist zu reden und für alles eine Antwort zu finden, mit Wortwitz und Erfahrung. Und er steht da und weiß nicht, was er zu einem Mädchen sagen soll. Das ist entweder total demütigend oder witzig. Ich weiß noch nicht, wofür ich mich entscheiden soll…“
Dann nahm sie beide Teller aus dem Korb und stellte sie einladend hin. „Aber ich werde jetzt von dem Brot essen und dem, was in dem Korb ist. Ich weiß nicht, was du vorhast.“


In der Taverne saß Germonde und schaute sich durch das geschlossene Fenster Fian und die weiße Wölfin wie einige andere Besucher und Gäste interessiert an.
Nach einer Weile runzelte er die Stirn, nahm seinen Tee und hob ihn leicht zum Gruß zu den beiden herüber. „Na dann…“, sagte er leise, „diese Erkenntnis wird schmerzhaft werden.“

Und lauschte den Gesprächen in der Taverne…

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