Es dämmerte.
Fian trat durch die Tür seiner kleinen Hütte ein und öffnete die Riemen seines Korbs. Als er ihn vor sich hielt, roch er noch einmal an den frischen Kräutern. Er mochte den herben Duft nach Waldboden, wildem Kerbel, Sauerampfer, Waldpilzen und frischen Kräutern. Ja, er wusste, dass er spät dran war, eigentlich sehr viel später, als verabredet war. Aber er hatte da absolut kein schlechtes Gewissen, eher dieses glückliche und zufriedene Gefühl, mit dem er die Welt eben so sah, wie nur er es konnte. Und es gab viel, das er gesehen und erlebt hatte beim Sammeln von Salat und Kräutern.
Als er in die Küche trat, saß Fresco noch am Tisch. Seine alte Wolfsschnauze hob sich langsam. Die bernsteinfarbenen Augen fixierten Fian mit einer Ruhe, die schwerer wog als jedes Knurren.
Neben dem Kamin lehnte Vela, die Arme verschränkt, aber mit einer ungewöhnlichen Ruhe.
„Du bist spät, Junge“, brummte Fresco mit seiner dunklen Stimme. „Wo hast du gesteckt?“
Fian blinzelte unschuldig, zupfte an den Riemen seiner Tasche und erklärte freimütig: „Unterwegs brauchte jemand Hilfe. Ein Handkarren war tief im Morast eingesunken – die Räder saßen fest. Ich habe einfach geholfen, weil sie eine wirklich herzensgute Dachsdame war. Und ganz ehrlich, alleine hätte sie das Ding nie freibekommen. Da kann ich doch nicht einfach wegschauen, das gehört sich nicht. Na ja, und danach haben wir halt noch kurz verschnauft und ein paar Kekse gegessen. Dann bin ich weitergezogen, um deinen Auftrag zu erfüllen. Ich weiß, dass die Kräuter unten am Ufer des Waldsees nicht mehr besonders gut sind, daher habe ich beschlossen, um den See herum dann flussaufwärts zu gehen … Weißt du, da oben am Wasserlauf wachsen die besseren Kräuter und Pilze.“ Er hielt inne, musterte die beiden Wölfe und wandte sich dann Fresco zu: „War das falsch? Ich dachte … es wäre in deinem Sinn, wenn man hilft.“ Fresco legte den Kopf leicht schief. Ein Hauch von nachdenklicher Zustimmung glitt über seine vernarbte Stirn, und er nickte knapp. Es war eine gute Tat – mal wieder fast vorbildlich. Doch im selben Atemzug blähten sich seine Nüstern, und er holte tief Luft, um zu einer unmissverständlichen Rüge anzusetzen, denn die Sorge hatte bereits begonnen, an den Nerven des alten Mentors zu nagen. Ehe Fresco jedoch das Wort ansetzen konnte, antwortete Vela und schnitt ihm so das Wort ab. „Vielen Dank für deine Hilfe, Fian“, sagte sie leise, trat einen halben Schritt vor und hob das Kinn. „Fresco, ich nehme die Verantwortung hiermit zurück.“
Fian verharrte mitten im Raum. Seine Ohren zuckten aufmerksam. Sein Blick glitt von Vela hinüber zu Frescos finster werdender Miene und wieder zurück. Dann wandte er sich direkt an die Jägerin des Nordens. „Was genau habe ich denn falsch gemacht?“, fragte er vorsichtig. Vela sah ihn als Ganzes an. „Weißt du, Schnuffel, es geht nicht immer um falsch oder richtig. Es geht um Prioritäten, um den Rahmen und darum, dass du schlicht Anweisungen zu folgen hast.“ Fian sah sie neugierig an: „Aber ich habe doch die Aufgaben erfüllt und dazu noch jemandem geholfen. Ich verstehe nicht …“ Fresco sah zuerst Fian und dann Vela an. Dann wandte er sich wieder Fian zu: „Kannst du mir einen Gefallen tun?“
Fian blickte den alten Wolf an, hielt jedoch inne. Seine Pfoten berührten kurz das Leder des Halsbands, das um seine Kehle lag. „Ich muss eigentlich erst Vela um Erlaubnis bitten, bevor ich deine Gefallen erfülle.“
In der Küche schien die Luft schlagartig zu gefrieren.
Fresco fuhr herum. Die Nackenhaare des alten Wolfs sträubten sich, und seine Pranke krachte auf die Tischplatte, dass die Teeschalen schepperten. „Bitte, was soll das werden?!“, fuhr er Vela mit unbändiger Schärfe an. Velas Ohren klappten schlagartig flach nach hinten. Sie biss sich so hart auf die Unterlippe. „Es … es ist in Ordnung“, stieß Vela heiser hervor. „Tu ihm seine Gefallen.“ Fresco wandte sich wieder zu Fian um, seine Stimme gedämpft, irgendwie nett, aber doch dringlich: „Kannst du noch einen Spaziergang zu den Quellen machen? Und wenn diese Eber auftauchen, ich denke, wir wissen, dass du dich nicht verprügeln lassen musst, oder? Aber dennoch, sei vorsichtig da draußen. Und bitte, verrate mir, was du davon hältst, bevor du gehst.“
Fian hob eine Braue. Das feine, fast spöttische Lächeln eines Barden kehrte kurz in seine Mundwinkel zurück. „Was soll ich denn meinen? Die Eber werden wahrscheinlich gar nichts machen, nach dem, was ich heute Morgen mitbekommen habe. Und ich weiß sehr wohl, dass die Wolfslieder gesungen wurden, aber nach allem, was passiert ist, steht wohl dort drüben die Jägerin des Nordens in meiner Küche und ich gehöre ihr. Und jetzt … nun, ich vermute, ihr Vater oder Onkel oder Ähnliches sitzt gerade ebenso in meiner Küche. Ich glaube kaum, dass die Lage aktuell sonderlich gefährlich ist. Ich trage schließlich ihr Halsband. Und nur sie darf daran ziehen.“
Fresco warf Vela einen vernichtenden Blick zu und wandte sich dann wieder Fian zu. „Na gut, ich vertraue deinem Urteil. Holst du noch etwas Quellwasser für den Salat?“, sagte er leise zu Fian.
Fian sah aufmerksam in die Runde, neigte dann leicht den Kopf, wandte sich um und verließ die Hütte. Die Tür fiel ins Schloss.
Drinnen herrschte bleierne Stille.
Fresco rührte sich nicht. Seine alten, von unzähligen Monden gezeichneten Augen bohrten sich vorwurfsvoll in Vela. Er sagte kein einziges Wort. Er sah sie einfach nur an. Vela hielt dem Blick für vielleicht zwei quälend lange Herzschläge stand. Dann sank ihre weiße Schnauze herab. Ihre Schultern sackten ein. „Ich habe wohl ein klein wenig die Kontrolle verloren“, gestand sie leise, und ihre Stimme klang zum ersten Mal nicht nach stolzer Jägerin. „Irgendwie … ich arbeite bloß noch Probleme ab, und jedes Problem bringt mir drei weitere ein.“
Fresco trat vor sie hin. Seine Stimme war tief und ruhig, frei von dem Zorn von eben, aber schwer vor Ernsthaftigkeit: „Warum bin ich wirklich hier, Vel?“ Vela hob zögernd den Kopf. In ihren Augen lag ein hilfloser, fast flehender Ausdruck. Fresco stieß ein langes, trockenes „Oh…“ aus. Ein vertrautes, schweres Geräusch. „Natürlich … Und weißt du was? Ich helfe diesem kleinen Welpen wieder laufen zu lernen.“ Erleichterung huschte über ihr Gesicht. „Danke, Fresco. Danke, dass du ihn übernimmst und…“ „So war das nicht gemeint“, unterbrach er sie eisig. „Das Problem bleibt schön bei dir.“
Vela starrte ihn entgeistert an.
„Ich werde vor den Schamanen die rituelle Verantwortung tragen, damit dein Kopf erst einmal auf den Schultern bleibt“, fuhr Fresco unerbittlich fort. „Aber von dieser Sekunde an stehst du wieder in meiner Entscheidung. Du folgst meinen Anweisungen.“ Vela schluckte schwer. Ihre Kiefer mahlten aufeinander, doch dann entschied sie, dass ihr keine Wahl blieb. „Verstanden“, murmelte sie, merklich angefressen. Und sagte dann etwas deutlicher: „Vor dem Antlitz des Mondes: Ich werde deiner Weisung Folge leisten. Bitte unterweise mich.“ Fresco legte seine Klaue auf ihre Schulter und sprach feierlich: „Der Mond sei mein Zeuge, ich akzeptiere. Ich werde dir in dieser schwierigen Zeit mit meinem Wissen und meinen Fähigkeiten beistehen.“ Fresco bot ihr einen Stuhl an und beide setzten sich an den Küchentisch. Nach einer kurzen Bedenkpause eröffnete Fresco das Gespräch: „Gut. Erstens: Dieses verdammte Halsband verschwindet morgen früh.“ Er sah sie fordernd an. „Dein Welpe lernt nichts, wenn man nur am Lederriemen reißt. Gehorsam und Verstand müssen aus seinem eigenen Willen erwachsen, nicht aus einer Schleife um den Hals.“
Bei dem Wort „dein Welpe“ zuckten Velas Ohren geschockt und ungläubig nach hinten. Ihre Augen weiteten sich.
„Und ich bin noch nicht fertig“, setzte Fresco nach, ohne ihr Zeit zum Atmen zu lassen. „Morgen wirst du ihn die Welt erforschen lassen, wie es sich für einen Welpen gehört. Frei. Ohne Halsband und Leine. Und vor allem: Du wirst ihm verdammt noch mal die Frage beantworten, ob du ihn magst!“ Vela schnappte nach Luft, doch Fresco ließ sie nicht zu Wort kommen. „Das bist du ihm schuldig, Vel …! Nach all dem Mist, den du hier verzapft hast! Und übermorgen in der Frühe, kurz nach Sonnenaufgang, schickst du ihn hinauf auf das untere südliche Bergplateau. Bis dahin werde ich dort alles vorbereitet haben. Vertraue deinem Welpen, dass er den Weg alleine findet, aber mach ihm klar, dass er nicht alle Zeit der Welt hat. Du selbst wirst zu später Stunde, kurz vor dem Untergang der Sonne, dort oben erscheinen und dein neues Welpenrudel übernehmen. Und du wirst sie unterweisen, Vela. Solltest du nicht weiterwissen, fragst du mich um Rat.“
Vela riss die Augen auf. Eine Welle des Entsetzens und der Empörung stieg in ihr auf. Sie holte tief Luft, die Zähne gebleckt: „Fresco, ich bin eine Jägerin, ich kann nicht-!“
Mitten im Satz presste sich Frescos schwere, grobe Klaue rüde auf ihre Lippen. Er drückte ihr Haupt sanft, aber eisern nach unten.
Sein Blick war unnachgiebig und bohrte sich in ihre Seele. „Kein Wort“, flüsterte er raunend. „Ich rede und du wirst lernen. So sagen es die Lieder und so haben wir es vor den Ewigen bezeugt. Du wirst dieses Rudel unterweisen. Und morgen wirst du deinem Welpen erst einmal eine Atempause geben und ihn das machen lassen, was Welpen tun müssen.“
Er nahm die Pranke langsam von ihrem Mund und schaute Vela an.
Sie erwiderte trotzig seinen Blick – und senkte dann demütig den Kopf.
Und seufzte.

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