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Die Schattenmärchen

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… bis zur Unendlichkeit, und danach sehen wir weiter!

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Aus den Chroniken der Taverne „The Old Paw“

Posted on September 24, 2026September 24, 2026 by admin

Wer in der Taverne „The Old Paw“ den Kamin zur Linken liegen lässt und den schmalen Durchgang zu den hinteren Butzenscheiben wählt, findet eine Wand aus dunklem Eichenholz, vollgestellt mit Aufzeichnungen, die älter sind als das Gebälk über den Gästen. Dort lehnen keine gelehrten Folianten ferner Städte, sondern die Chroniken des Nebelwaldes:

Hefte aus gegerbter Rinde, Notizen auf Hirschpergament und lose, vom Rauch gilb gewordene Lagen, zusammengehalten von rostigem Draht.

Zieht man das Bündel heraus, auf dessen Rücken mit verblichener Nusssafttinte die Pfotenmarke von The Old Paw gezeichnet ist, stößt man auf jene Niederschrift, die das wohl eigenwilligste Missverständnis des Nebelwaldes festhält.


Aus den vergilbten Blättern im hintersten Regalwinkel, zwischen getrocknetem Hopfen und speckigem Leder.


Die Schrift auf den Blättern ist eng gesetzt mit einer gekürzten Rabenfeder:

„Es zanken die Füchse im Unterholz, es streiten die Dachse an ihren Schwellen, und die alten Hirsche wiegen nachdenklich das Geweih über jene Winternacht am gefrorenen Stein. Die einen singen vom Wunder der Gnade: Die Weiße Wölfin habe das uralte Gesetz gebeugt, weil die Weidenlaute ihr Raubtierherz erweichte. Die anderen raunen mit finsterer Miene, Fian sei damals gefallen; sein Geist irre nun schattenblind durch den Frost, gefangen in einem traurigen Wahn, während sein Fleisch längst den Ahnen gehört. Beide irren.

Denn die Alten wissen: Der Schlag fiel, doch das Verhängnis begann erst, da sich das Rad der Zeit drehte, zum Jahrestag, bei einem Krug Met.“

In jener Nacht am gefrorenen Stein forderte Vela, die Weiße Wölfin des Nordens das Gesetz der Ahnen ohne Zögern ein. Die Klauen trafen ihr Ziel, der rote Tribut tränkte das Moos, und der sterbliche Faden ihrer Beute der Nacht riss entzwei. Der Wald rief sie als Wölfin, und sie erhöhrte den Ruf.

Doch hier, in genau im Augenblick des Schlages, geschah das Unerwartete:

Der Geist Fian des Barden erhob sich aus dem Schnee. Er tat dies nicht als fahler Dunst, sondern in einem so dichten, warmen und selbstverständlichen Licht, dass er den Übergang gar nicht wahrnahm. Er strich sich beiläufig den Staub des Mooses von den Ärmeln, nickte der Wölfin mit einem freundlichen Lächeln zum Gruße zu, flüsterte wahrlich verzeihliches. Dann nahm er seine Weidenlaute unter den Arm, und wanderte frohen Mutes in das Dickicht des Nebelwalds hinein.

Vela, die weiße Wölfin, Jägerin der Stunde blickte ihm mit Augen wie gefrorenes Gals nach, und war von innerem Frieden durchflossen. Sie wusste, es ein Urteil nach uralter Ordnung:

Der Wald  rief, und sie folgte dem Ruf. Der Tribut war entrichtet, der Geist hatte sich friedlich vom Fleisch gelöst und war in den ewigen Schoß des Waldes eingekehrt, um dort zwischen den Bäumen die zeitlose Ruhe im Schutz der Ewigen zu finden. Sie schüttelte den Frost aus ihrem Fell und ging ihrer Wege, in der Gewissheit, ihr heiliges Werk sei wahrlich vollendet.

So drehte sich das Rad der Zeit und und die Jahreszeiten folgten.

An einem stürmischen Winterabend saß jene Weiße Wölfin in einer dunklen Nische der Taverne „The Old Paw“. Sie wärmte sich die Pfoten an einem Becher heißem Gewürzmet und lauschte neben dem behaglichen Murmeln der Schankstube den Geschichten und Liedern der Barden, als die schwere Eichentür aufgestoßen wurde. Herein trat ein junger Barde. Er stampfte sich den Schnee von seinen Stiefeln, klopfte schwungvoll seinen roten Wollumhang ab und warf der Schankmaid ein charmantes Zwinkern zu, als er  mit seiner Weidenlaute vor das knisternde Herdfeuer trat.

Er stimmte eine Saite nach, hob den Blick und stimmte eine Ballade an, die den Saal schlagartig verstummen ließ: Er sang mit Inbrunst von einer Nacht, tiem im Forst – und von der unglaublichen Barmherzigkeit und Gnade einer großen Jägerin, einer weißen Wölfin, die fließendes Wasser über das Moos glitt, und dem Sternenleuchten in ihrem Fell. Einer großen Wölfin, die ihn damals voller Milde und Ehrfurcht verschonte und am Leben gelassen hatte.

In ihrer Ecke erstarrte die Wölfin. Der Krug glitt ihren Pfoten fast herab; das Blut fror ihr in den Adern.

Er.

Ein eiskalter Schock durchfuhr ihr Herz.

Sie hatte damals keine Seele in den ewigen Frieden entlassen – sie hatte eine Seele verloren. Und heute, hier, in diesen Stunden, vor ihren Augen, stand diese Seele, ein Barde, in seiner Einbildung lebendig, und sang voller Ehrfurcht und Demut von einer Gnade, die es nie gegeben hatte!

Für die Wölfin brach eine Welt zusammen:

Das arme Wesen wanderte seit diesen Stunden ruhelos durch die Welt der Lebenden, abgeschnitten von den Ahnen, gefangen in der verhängnisvollen Illusion, noch immer aus Fleisch und Blut zu sein. Er konnte sogar Speis und Trank zu sich nehmen, so sehr verwirrt war seine verzweifelte Seele. Sie sah in seinem heiteren Spiel keinen Frieden,vielmehr ihren Fehler, eine verlorene, traumwandelnde Seele, die ihren eigenen Tod verdrängt hatte und nun schutzlos den Gefahren des Diesseits ausgesetzt war.

Doch was die Jägerin in ihrem Entsetzen wohl übersah:

Fian war zufrieden mit der Welt, wie sie ihm darbot. Er brauchte keine Erlösung, keine Ruhe und schon gar keine Rettung.

Seine Seele war von tiefstem Frieden durchzogen. Dass er durch die Wälder streifen, Geschichten erzählen, die Laute schlagen und in warmen Stuben Metgeruch einatmen konnte, war genau jenes, wonach seine Seele sich sehnte, und was er sich immer gewünscht hatte. Er war nicht verwirrt. Er war schlichtweg wunschlos glücklich und ohne Groll.

Doch für die Weiße Wölfin gab es ab dieser Nacht nur noch ein einziges, erdrückendes Ziel:

Sie musste diesen Irrläufer retten. Sie entschied, es sei ihre Pflicht, denn es war ihre Schuld, dass jene Seele ziellos umherwanderte. Sie schwor bei den Sternen, über diesen armen, ahnungslosen Barden zu wachen, ihn vor der bitteren Erkenntnis seines Zustands zu beschützen und ihn Schritt für Schritt sanft in jene ewige Ruhe zu geleiten, um die sie ihn damals unwissentlich gebracht hatte.

Auf derselben Seite, am unteren Rand des vergilbten Blattes, findet sich jener Text eingefügt, der bis heute an den rußigen Pfeiler neben dem Schanktisch geheftet ist:


Vom Barden, der seine eigenen Lieder suchte

Es heißt, ein Barde wanderte viele Jahre durch die Nebelwälder auf der Suche nach dem Ursprung eines alten Liedes.

Er fragte die Wölfe, und sie sagten: „Es ist ein Wolfslied.“

Er fragte die Fledermäuse, und sie sagten: „Es ist ein Lied der Nacht.“

Er fragte die Füchse, und sie sagten: „Es ist ein Märchen für Welpen.“

Er fragte die Raben, und sie sagten: „Es wurde bereits gesungen, bevor dein Großvater geschlüpft ist.“

Nach vielen Jahren fand er schließlich die älteste bekannte Fassung.

Am Rand der vergilbten Seite stand mit krakeliger Schrift:

„Überarbeitet von Fian dem Barden.“

Daraufhin setzte sich der Barde an das Feuer, bestellte drei Krüge Met und gab die Suche auf.


Ganz am Ende schloss ein Chronist mit eine randeren Handschrift von The Old Paw diesen Bericht mit folgenden Worten:

„Und so nimmt das Schicksal seinen Lauf in den Hallen von The Old Paw. Am Kaminfeuer steht Fian, schlägt die Weidensaiten, strahlt über das ganze Gesicht und erfreut sich an jedem Atemzug, den er gar nicht mehr tun müsste. Er ist der glücklichste Wanderer unter dem Firmament. Und hinten in der dunkelsten Ecke sitzt eine weiße Wölfin, starrt mit glühenden, von Sorge und Scham  zerfressenen Augen zu ihm hinüber und zerbricht sich den Kopf darüber, wie sie diese vollkommen zufriedene Seele vor dem Leben retten und endlich in den wohlverdienten Frieden führen sollte. Man lasse sie gewähren. Denn niemand wird sie von ihrer Entscheidung abbringen können, eine Pflicht zu erfüllen, die vielleicht niemals wirklich existierte… . Sie würde an dieser Seele bleiben bis ihre Schuld beglichen und sie ihren Frieden gefunden hat.“


Reisende, die Ihr diese Zeilen lest, fragt die Barden in dieser Taverne,  Sie werden Euch beide Geschichte besingen können:

Von Vela, der Königen des Nordens:

https://schattenmaerchen.de/wp-content/uploads/2026/09/Thre-red-tribute-1.mp3

Und natürlich von Fian the Bard:

https://schattenmaerchen.de/wp-content/uploads/2026/07/The-white-wolf-Fians-Tribute.mp3

Doch

… welches der Lieder erzählen die Wahrheit?

… erzählen von der Welt?

… Was habt Ihr auf Euren Reisen durch die Nebelwälder übersehen?

 

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