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Die Schattenmärchen

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… bis zur Unendlichkeit, und danach sehen wir weiter!

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Wölfische Pädagogik

Posted on September 10, 2026 by admin

Sie verließen die Taverne.
Fian ging schweigend neben ihr her.

„Weißt du, Entscheidungen sind wichtig …“, begann die Wölfin und legte ihm sanft eine Pfote auf die Schulter. „Ja, das war dämlich“, murmelte Fian und blickte beschämt zu Boden. „Das steht außer jeder Frage.“ Sie schritt einen Moment schweigend weiter. „Aber das ist nicht das Problem.“ Fian hob irritiert den Blick. Sie zuckte mit den Ohren. „Naja, niemand ist perfekt, und Fehler macht jeder. Das Problem ist, dass Entscheidungen Folgen haben. Und irgendwann kommt der Augenblick, in dem man nicht mehr darüber entscheidet, ob die Folgen eintreten. Man entscheidet nur noch, ob man bereit ist, sie zu tragen.“ Sie sah kurz zu ihm hinüber. „Du hast dich heute entschieden, einem Eber eine Schnalle ins Gesicht zu schlagen.“ Ein schwaches Schmunzeln huschte über ihr Gesicht. „Ich will nicht behaupten, dass er es nicht verdient hätte.“ Das Schmunzeln verschwand wieder. „Aber verdient oder nicht hat herzlich wenig mit den Konsequenzen zu tun.“

Sie griff in ihre Tasche und zog das Halsband hervor.

Nachdenklich betrachtete sie das Lederstück. „Nun muss ich mir allerdings überlegen, wie ich das hier erklären soll.“ Sie hob eine Augenbraue. „Kann mein … Schnuffel … überhaupt allein durch einen Wald laufen, ohne Unsinn anzustellen, in Schwierigkeiten zu geraten oder eine Schlägerei anzufangen?“ Sie ließ das Halsband langsam durch ihre Pfoten gleiten. „Oder muss mein Schnuffel so deutlich markiert werden, dass sich niemand mehr traut, ihn anzusehen?“ Einen Augenblick ließ sie Stille zwischen ihnen wirken. „Was meinst du?“

Fian machte unauffällig einen halben Schritt zur Seite. Der Blick der Wölfin folgte ihm sofort. Ihre Ohren richteten sich aufmerksam auf. „Oh.“ Noch ein paar Herzschläge vergingen. „Das ist deine Antwort?“ –  “ Also Antwort würde ich das jetzt nicht nennen … antwortete er. Sie blieb stehen und schaute ihm direkt in die Augen, und hob das Halsband ein wenig an. „Was ist denn deine Antwort? Eigentlich ist die Sache ganz einfach. Ja oder Nein. Beide Antworten haben ihre Konsequenzen.“

Einen Moment schwieg sie. „Und nach dem, was ich heute in dieser Taverne erlebt habe, solltest du vielleicht anfangen, einen Moment darüber zu sinnieren,  welche Konsequenzen deine Entscheidungen haben könnten.“ Ihr Blick wurde weicher, aber sie tippte ihm mit Nachdruck auf die Stirn: „Denn offensichtlich scheint es nicht auszureichen, dass ich mir um deine charmante Seele, die in dem sturen Bardenschädel wohnt, Sorgen mache.“ Sie wog das Halsband nachdenklich in der Pfote. „Also?“ Ein kurzes Zucken lief durch ihre Ohren. „Soll ich darauf vertrauen, dass mein Schnuffel künftig mit seinem Verstand durch den Wald läuft?“ Sie hob das Halsband etwas höher.

„Oder sollte ich entscheiden, und seine Probleme werden auf meine Weise gelöst?“

Fian wich unter ihrem wachsamen Blick noch einen halben Schritt zurück und holte Luft, um etwas zu sagen.

Aber sie legte ihm ihre Pfote auf den Mund. Ein schwaches Lächeln huschte über ihr Gesicht. „Was habe ich neulich gesagt? Ich rede, und du wirst lernen.“ Sie drückte ihm das Halsband in die Pfoten. „Ob du willst oder nicht. Ich frage dich: Wie schwer willst du es dir selbst jetzt machen? Es ist deine Entscheidung.“ Dann ging sie einen Schritt zurück und beobachtete ihn. „Was wirst du jetzt tun?“ So standen sie sich gegenüber. Sie stand einfach nur da und schaute ihm geduldig zu.

Nach einer Weile sagte sie leise: „Schade.“ Unvermittelt stieß mit einer unfassbaren Geschwindigkeit vor, entriss Fian das Halsband und legte es um den Hals. „Du wirst wohl noch eine ganze Weile lernen.“ Dann drehte sie sich mit zuckenden Schultern um und schlenderte langsam den Waldweg entlang. „Es sei wie es ist, dann eben auf die umständliche Weise. Ich werde jetzt den Tag am Waldsee genießen. Kommst du mit oder
möchtest du geführt werden und ‚Gehen üben‘?“

Wortlos folgte Fian ihr.

Als er im Gehen nach der Schnalle von dem Halsband tastete, drehte sie sich um, und sah ihn mit erwartungsvollen Augen an. „Nur zu, wag es…“ hauchte sie mit eisiger Kälte in der Stimme. Einen Moment spielte er noch an dem Verschluss und zögerte dann verunsichert unter ihren aufmerksamen Blicken.

Dann beließ er es dabei.

Sie drehte sich gleichgültig um. „Fein.“ Dann setzte sie ihren Weg fort. „Dann ist der Unterricht für heute wohl beendet. Ich gehe jetzt zum Waldsee.“

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