
Werte Reisende,
ich habe einen interessanten Gedankengang,
den ich gerne mit euch teilen möchte…
Was, wenn alles ganz anders wäre, als ihr es euch bisher vorgestellt habt?
Was, wenn die Geschichte von Fian und der weißen Wölfin so begonnen hätte:
Fian und die weiße Königin des Nordens standen sich gegenüber, während seine glasigen Augen sich langsam verdunkelten. Ihre Krallen hatten sich tief in seine Kehle gegraben, und rotes Blut floss an seinen Flanken hinab auf das grüne Moos.
Sie flüsterte ihm leise ins Ohr: „Ich fordere den Tribut und nehme deine Seelenschuld auf mich. Ich schwöre im ewigen Antlitz der Mondin: „An deiner Seite werde ich sein und deine Seele beschützen.“ Sein Körper erschlaffte langsam in ihrem erbarmungslosen Griff. Das Letzte, was er wahrnahm, war ihr warmer Atem auf seinem Gesicht. Dann versank die Welt in Dunkelheit.
Einen Herzschlag später stand er ihr im Schein seines Feuers gegenüber und betrachtete die weiße Wölfin … Ihre Augen leuchteten wie gefrorenes Glas, während sie seinen Duft tief in sich aufnahm, ehe sie einfach davonging. Er sah nur ihre Erhabenheit und wusste, dass er eigentlich der Tribut hätte sein sollen, doch sie hatte ihn verschont. Er blickte zu dem silbern schimmernden Mond hinauf und spürte eine unglaubliche Freiheit, die ihm zuteilwurde.
Fian saß noch lange am Feuer und blickte in die Richtung, in der sie wie fließendes Wasser im Nebel verschwunden war. Er hatte tief in jene leuchtenden Augen geblickt und die Ewigkeit berührt. Und er gehörte zu jenen, die dazu bestimmt waren, diese Geschichte zu besingen, denn es gab keinen anderen Weg, sie zu erklären …
Und nun frage ich euch, Reisende…
Was, wenn…
… Fian niemals gedichtet oder gar übertrieben hätte?
… er die ganze Zeit über die Wahrheit besungen hätte?
… lediglich seine Interpretation falsch gewesen wäre?
… es ihre Aufgabe gewesen wäre, in die Schenke zu gehen?
Vielleicht solltet ihr die Geschichten am Feuer noch einmal lesen. Manchmal verbirgt sich die Wahrheit nicht zwischen den Zeilen. Und manchmal – nunja – liegt sie ganz offen vor Augen. Oder ihr ignoriert diesen Gedanken einfach … Es liegt an euch, zu entscheiden, ob ihr einen Neuanfang bei der Wahrheit des Waldes wagen wollt.
Es ist nur ein Gedanke, nicht mehr und nicht weniger.

Auf jeden Fall lohnt es sich, noch einmal die Geschichte mit diesem Hintergedanken zu lesen 🙂
