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Die Schattenmärchen

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… bis zur Unendlichkeit, und danach sehen wir weiter!

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Morgentau

Posted on September 8, 2026 by admin

Die Sonne ging über den Baumwipfeln des Waldes auf und sandte ihr erstes Licht durch das Fenster einer kleinen Hütte, die tief im Wald lag. Drinnen im Bett reckte sich Fian in den warmen Strahlen und überlegte, ob er aufstehen oder einfach noch ein wenig unter der warmen Decke bleiben und die Morgensonne genießen sollte. Nach einer Weile entschied er sich, aufzustehen und den neuen Tag mit einer frischen Tasse Tee vor der Hütte zu begrüßen.

In der Küche angekommen, entfachte er den Herd, wie er es jeden Morgen tat. Während er darauf wartete, dass die Glut heiß genug für den Wasserkessel war, schweifte sein Blick durch den Raum. Dabei fiel ihm der Korb mit den Tellern auf, und die beiden Teetassen, die noch immer auf dem Tisch standen. Gerade so, als wäre dies das Selbstverständlichste der Welt. Während er die beiden Tassen betrachtete, füllte er fast unbewusst genügend Wasser in den Kessel – nur für den Fall, dass ihn am Morgen ein Gast besuchen würde. Der Herd war heiß, und das Wasser im Kessel begann zu dampfen. Er gab Teeblätter in seine Tasse, und das heiße Wasser erfüllte die Küche mit dem Duft von Waldkräutern und getrockneten Beeren. Er liebte diesen Geruch und schloss die Augen, um ihn voll und ganz in sich aufzunehmen, zusammen mit dem Knistern des Feuers in seinem kleinen Ofen.

Doch etwas regte sich in seinem Inneren.

Es dauerte eine ganze Weile, bis ihm klar wurde, was nicht stimmte. Eigentlich hatte er darauf gewartet, dass sie anklopfte, dass sie hereinkam, dass etwas geschah – doch nichts geschah. Schließlich goss er sich einen weiteren Tee ein und setzte sich mit einem Seufzer in sein Wohnzimmer. Er blickte aus dem Fenster auf den Wald, wo Nebelschwaden noch immer Fangen mit den Sonnenstrahlen spielten, und nahm einen Schluck von seinem Tee.

Dann klopfte es an der Tür.

Voller Freude stand er auf, um sie zu öffnen. Doch es war nur einer der Fuchsheiler aus dem Moor. Was heißt nur, ein Fuchsheiler auf Hausbesuch ist selten! Das wusste auch Fian. Allerdings war es nicht Germonde, sondern einer seiner Gehilfen, der ihn mürrisch und voller Verachtung von Kopf bis Fuß musterte und dann darum bat, eingelassen zu werden, um das Bein erneut zu untersuchen. Germonde hatte darauf bestanden und etwas von einem Gefallen erwähnt. Jedenfalls schien ihm dieses Bein besonders wichtig zu sein, ganz gleich, wem es gehörte. Eigentlich eine völlig unnötige Verschwendung – zumindest aus Sicht dieses Heilers, doch Meister Germonde darauf bestand, wurde die Behandlung mit der versprochenen Sorgfalt durchgeführt.

Mit einem Schulterzucken begutachtete er das Bein, nickte anerkennend zur Qualität der Arbeit und legte dann sehr leichte, einfache Verbände an.

Er gab Fian noch ein paar Pflegehinweise und verabschiedete sich dann bestimmt; eine Tasse Tee lehnte er ab. Fian stand in der Tür und sah ihm nach. „Ach, diese Fuchsdoktoren – man muss sie einfach lieben“, dachte er, und ein leicht amüsiertes Lächeln huschte über sein Gesicht. *So sind sie eben.*

Er spähte um den Türrahmen herum, um zu sehen, ob noch jemand kam, doch nein, vor allem sie, die weiße Wölfin, die Königin des Nordens, war nicht da, und auch ihren Geruch konnte er in der Morgenluft nicht wahrnehmen, was er sehr seltsam fand.

In den vergangenen Tagen und Wochen war sie stets präsent gewesen und hatte alles im Blick behalten; und nun war sie plötzlich verschwunden? Sicher, er hatte sein Leben in ihre Pfoten gelegt, doch das hier ergab nun keinen Sinn. Er atmete noch ein paar Mal die kühle Morgenluft ein und schloss dann die Tür wieder. Über dieses Rätsel würde er wohl später nachdenken …

Dann fiel sein Blick wieder auf den Küchentisch, auf dem ein sorgfältig gefalteter  Zettel lag. *Sehr diskret*, dachte er, *einen Fuchsdoktor als Boten einzuspannen. Das wird ihm sicher gefallen. Aber nun gut, das erklärt auch, warum dieser Doktor so schlechte Laune hatte.* … Neugierig betrachtete er den Zettel. Sollte er ihn lesen oder liegen lassen? Was mochte sie wohl geschrieben haben? Nun, hier gab es kein Richtig oder Falsch. Außerdem würde der Zettel dort nicht liegen, wenn er nicht für ihn bestimmt wäre.

Schließlich siegte seine Neugier.  Er faltete er den Zettel auf, um wahrscheinlich ein neues Rezept für den Abend zu finden, doch weit gefehlt:

Dort stand:

„Ich habe Wichtiges zu erledigen. Deshalb habe ich beschlossen, dich ein wenig herumlaufen zu lassen. Solltest du mit deinem Körper irgendwelchen Unsinn anstellen, werde ich mit dir das Gehen üben. Entscheide selbst, was du willst. V.“

Er musste die Notiz tatsächlich noch einmal lesen und las sie leise vor sich hin: „…Ich werde mit dir ‚Gehen üben‘?“ Er pfiff leise durch die Zähne. Ja, das war eine ziemliche Ansage, dachte er.

Doch dieses „V.“ fand er weitaus faszinierender.

Sie hatte ihm tatsächlich einen Buchstaben ihres Namens verraten …

Aber warum?

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