Seid gegrüßt, Wanderer an meinem Feuer.Wenn die Nacht über den Mistwood hereinbricht und der feuchte, schwere Nebel aus dem Moor aufsteigt, blicke ich oft von der Schwelle der Taverne hinaus in die Dunkelheit. Weit draußen, wo der Boden trügerisch wird und das Zwielicht herrscht, tanzen lautlose, mystische Irrlichter im Dunst – die sogenannten Pyren. Sie sind das Zeichen der Hexen der Fuchs-Sippen, und ihr kaltes Licht erzählt eine völlig andere Geschichte über die Gesetze unseres Waldes, als es die Wölfe der Berge tun.
Da ich das Erbe beider Linien in meinem Blut trage – den Wolf und den Fuchs –, spüre ich den ewigen Riss zwischen diesen Welten jeden Tag. Lasst mich euch erzählen, warum die stolzen Wölfe und die gerissenen Hexen des Moores einander meiden, und weshalb sie dennoch nicht ohneeinander existieren können.
Die pragmatische Alchemie: Das Leben der Fuchs-Hexen
Die Wölfe betrachten den Wald als einen sakralen Tempel der Exekutive, doch für die Fuchs-Hexen ist der Mistwood nichts weiter als ein funktionales, unerschöpfliches Reservoir. Ihre Lebensart ist von einer makabren, eiskalten Pragmatik geprägt. Es gibt bei ihnen keine feierlichen Riten der Anerkennung, kein schützendes Bastnetz für eine „ehrbare Beute“ und keine philosophischen Abwägungen über die Seele.
Die Hexen der Moore sind die Administratoren der Wildnis, die „Bereiniger“ des Waldes. Wenn Eindringlinge mit eitler Arroganz und ohne Respekt in ihr Territorium stolpern, weinen die Hexen nicht um die verlorene Seele. Sie werden ihnen mit Ignoranz begegnen, und wenn jener Eindringling einfach übergriffig wird, eher pragmatisch entsorgen. Ein solcher Narr wird bei ihnen ohne jegliche rituelle Ehrung oder nach den Regeln eines Gastrechts behandelt, sondern eher wie eine faule Zwiebel so wie er vor ihnen steht in die berüchtigte „Restebrühe“ geworfen. Gut, diese Praxis wirkt jetzt nichtunbedingt wie eine Bestrafung aus Zorn, sondern der reinen Funktionalität:
Gemaßregelt wird lediglich der Hochmut des Eindringlings, und aus praktischen Gründen wird neben der spirituellen Reinigung selbige einfach aus dem Fleisch gekocht, um das Gleichgewicht alchemistisch wiederherzustellen. Für sie ist alles – Flora, Fauna und selbst ignorante Barden – lediglich Material und Werkzeug. Die persönliche Genugtuung ist natürlich auch mit dabei, aber das ist eine andere Geschichte. Sie denken sich nichts dabei, sie beseitigen lediglich das Störende Ding, das sie bei ihrem Brauchtum unterbrechen wollte.
Klaue gegen Kessel: Die Feindschaft der zwei Ordnungen
Also, so langsam wird klar, warum so eine tiefe Feindschaft zwischen den Rudeln und den Sippen herrscht? Es ist die vollkommen andere Sichtweise auf die Welt. Die Wolfs-Rudel pochen auf ihre „instinktive Reinheit“. Ein Wolf würde niemals tötet aus Gier ein leben beenden, sondern sich in der Rolle einer rituellen Vollstreckung eines kosmischen Urteils im Angesicht der Mondin betrachten. Für die strenge Gesellschaft der Wölfe ist der eiskalte ja wie soll man das nennen, … „Utilitarismus der Füchse“ eine verlorene Sichtweise bar jeglicher Erhabenheit. Sie betrachten das alchemistische Kochen und Verwerten als respektlos gegenüber dem Ritus des Tötens, der nach ihren Regeln eigentlich Demut verlangt.
Die Füchse hingegen blicken mit spöttischer Kühle auf die Wölfe. Für die Moor-Hexen ist das ganze „rituelle Leiden“, die Empathie und die sakrale Ernsthaftigkeit der Wölfe schlichtweg ineffizient und fehlerhaft. Ein Pakt über die Seele, wie das Zuziehen des Bastnetzes, signalisiert in der funktionalen Welt der Füchse nur unnötige Schwäche und Sentimentalität.
Barden, die das ganze besingen in einer Welt, in der das gesprochene Wort mit der falschen Phrase über Riten und Bräuche ganz schnell tödlich werden kann, sind ohnehin schon mit einer gewissen Skepsis gesehen. Wobei ehrlich gesagt, die Füchse an dieser Stelle mit ihrer pragmatischen Sichtweise nicht ganz so schnell eine höhere Weltordnung anrufen, wie die Wölfe, wohl das bessere Publikum. Die reagieren sich mit ihrer Alchemie eher am Verursacher einer schlechten Darbietung ab, um diesen audiovisuellen Ausguss einfach los zu werden. Aber das ist eine andere Geschichte ^^
Auf jeden Fall hat das Auswirkungen. Ihr habt Euch doch bestimmt gefragt, wieso ich eher bei den Wölfen aufgewachsen bin ? Nun eben aus diesem pragmatischen Grund:
Wenn die Mondin eingreift, und so etwas eigenartiges wie eine Mischung aus Wolf und Fuchs zu ermöglichen, dann wird ein Wolf hier einen höheren Grund suchen oder zumindest eine höhere Macht, weit oberhalb seiner eigenen sakralen Kompetenz nicht anzweifeln. Für denselben Halbling unter Füchsen sieht die Sache anders aus: Halblinge kann es somit in dieser eigentlich Welt nur als eine Art „Systemfehler in den Blutlinien“ geben, also ein Störfaktor, der so nicht sein darf.
- Die Wölfe dulden den Schiedsspruch der Mondin und der Ewigen, aber verwehren die volle zugehörigkeit und den Anspruch, den die Wolfsseite haben dürfte.
- Aber bei den Füchsen sind meine Lieder und meine große Empathie einfach der Beleg einer riesigen Schwäche. Dadurch haben sich beide natürlich nur dann etwas zu erzählen, wenn es wirklich beide Seiten etwas angeht.
Die alten Absprachen und das Recht des Boten
Trotz dieser unüberbrückbaren Feindschaft herrscht kein offener Krieg zwischen den Mooren und den Bergen. Man geht sich im Grunde genommen gekonnt aus dem Weg. Das ist auch der Grund, warum meine Herrin, die weiße Wölfin sich ungehindert durch den Wald bewegen kann: Solange sie sich nicht ohne Grund in die Angelegenheiten der Füchse einmischt, wird sie ignoriert. In der Taverne – ein Ort der Zusammenkunft – kann sie sogar frei sprechen, persönliche Botschaften austauschen und gemeinsam mit den Füchsen lachen, tanzen oder einfach ein Pine Bier trinken. Diese alten Absprachen zwischen den Hexen und den Schamanen respektieren alle Seiten zutiefst wie einen heiligen Schatz, denn eine direkte Auseinandersetzung wäre für beide Seiten nicht interessant, wenn auch aus unterschiedlichen Beweggründen.
Und ja, dann gibt es noch gibt Momente, in denen die Schamanen der Wölfe und die Fuchs-Hexen der Sippen den Austausch suchen müssen: Hier greift das Recht des Boten.
Obwohl Wölfe und Füchse auf entgegengesetzten Seiten desr Jagd und der Beute stehen, wissen beide, dass die Nebelwälder ohne die jeweils andere Seite hin und wieder niemals existieren würde. Die Wölfe richten über die Seele und wahren das Gesetz der Mondin; die Fuchs-Hexen bereinigen den niederen, organischen Abfall und halten das – also eigentlich ihr eigenes von Alchemie geprägte Ökosystem am Leben.
Darum gibt es das Recht des Boten ist ein uralter, diplomatischer Akt, der in den alten Absprachen ausgehandelt wurde. Er greift immer dann, wenn die Natur selbst bedroht wird, oder wenn Informationen über Wiedergänger und sonstige Störungen im Wald ausgetauscht werden müssen. Dieses verbriefte Recht erlaubt einem Auserwählten, die unsichtbaren Grenzen zwischen dem eiskalten Gebirge und dem dampfenden Moor zu überschreiten.
Unter dem Schutz dieses Botenrechts ruht das Gesetz von Klaue und Fang für den Moment der Übergabe. Es ist ein eiskalter, zutiefst misstrauischer Austausch von Wissen oder Territorium, der nur funktioniert, weil beide Seiten wissen: Der Jäger der Berge und der Kessel des Moores dienen letztlich demselben Wald, und die spirituellen Führer – Hexen wie Schamanen – sind den Ewigen Rechenschaft schuldig. Wenn ihr also das nächste Mal in die Dunkelheit blickt und das Glimmen der Pyren seht, erinnert euch:
Dort draußen in den Mooren wandelt, tue es in Demut und Stille. Wer laut ist und die Hexen bei ihren Ritualen stört, findet nur eins, nämlich ihren Kessel. Und seid dankbar, wenn ihr an einem Feuer sitzt, das euch nicht als Zutat betrachtet.
