Ihr müsst wissen, in den Augen der meisten Kreaturen hier in den Nebelwäldern bin ich ein Fehler.
Ein Fuchs-Wolf-Halbling. Für die Fuchs-Sippen im Moor bin ich ein ineffizienter, mit zu viel Wolfs-Zeug beladener Fremdkörper, der ihre pragmatische Alchemie stört. Und für die Wölfe? Nun, ein reines Rudel duldet keine halben Sachen. Ohne ein göttliches Eingreifen der Mondmagie und den Willen der Ewigen würde ich heute nicht hier sitzen und für euch spielen und hierüber erzählen können.
Ich wäre längst das gewesen, was die Wildnis von jedem fordert, der sich nicht wehren kann:
der Fleischzoll des Waldes.
Reine Beute.
Und genau an diesem Abgrund traf ich sie.
Und bevor Ihr fragt, nein, sie ist nicht die Königin aller Wölfe im territorialen Sinne – die Natur duldet keine sterblichen Monarchen über sich. Aber für mich ist sie die Königin des Nordens, die sakrale Exekutive der lunaren Ordnung.
Als wir uns das erste Mal gegenüberstanden, stand mein Leben auf der Kippe. Das Gesetz von Klaue und Fang verlangte mein Fleisch. Doch im Zeugnis der ewigen Mondin sprach sie einen Urteilspruch aus, der mein Schicksal für immer besiegelte:
Als wir uns gegenüberstanden, verlangte das Gesetz von Klaue und Fang mein Leben.
Doch anstatt mich zu reißen, berief sie sich im Zeugnis der ewigen Mondin auf das Gesetz des einmaligen Schiedsspruchs. Dieser Schiedsspruch ist keine Verhandlung und kein Gespräch.
In unseren Wäldern gilt:
Sobald die Herrin das Wort ergreift, ruht der Fluss. Jedes eigene Rederecht erlischt augenblicklich. Das Ritual vollzieht sich durch das Gesetz des exklusiven Zugriffs, ein hochgradig performatives und zwingendes Erfordernis. Sie trat dicht an mich heran, bis ich den Frost ihres Atems spürte. Dann hob sie ihre Pfote und legte sie mir auf die Brust. Es war ein Druck, sanft wie eine aufziehende Dämmerung, doch mit der unerbittlichen Festigkeit einer Jägerin. Diese Geste forderte jeden Widerstand von mir. Es war die rituelle Bestätigung ihres Besitzes, ein Zeichen an diese meine Welt, dass ich von nun an unter dem absoluten Schutz einer gr0ßen Jägerin stehe. Niemand außer ihr besitzt das Recht, diese Geste an mir zu vollziehen.
Ich unterwarf mich. Wer in dieser Wildnis den Schutz eines Jägers sucht, ist gezwungen, einen unwiderruflichen Tribut zu entrichten, und so bot ich Seele und Körper als Unterpfand an. Sie nahm mich mit an ihr Feuer – ein Urteil, das niemals neu verhandelt werden darf. Mein Leben war nicht länger meines, sondern ihres.
Warum sie das tat? Warum verschonte sie mich?
Ihr müsst die gnadenlose Logik der Nebelwäler begreifen: Die Natur duldet keine unverdiente Gnade ohne Tribut. Hätte sie mich in jener Nacht als ein freies, gleichwertiges Wesen anerkannt und einfach gehen lassen, wäre ich sofort wieder Freiwild für die restlichen Jäger des Waldes gewesen. Sie musste mich als ihr Eigentum, auswählen, um mich aus der Nahrungskette zu heben. Es war die einzige vor den Augen der Ewigen.
Aber es gab noch einen tieferen Grund, einen, der hinter ihrer eisigen Maske verborgen lag.
Das ist die eigenartige Härte unserer Welt nach außen hin. Wenn die Herrin spricht, ruht der Fluss. Dann schweige ich, und meine Laute verstummt. Aber hier… hier, am Feuer im Inneren dieses Kreises, den ihr gerade mit mir teilt, offenbart sich die innere Wahrheit unseres Bundes.
Denn so unnahbar und eisig sie da draußen als Richterin der Ewigen auftreten muss… hier am Feuer bricht sich diese Bürde. Hier sucht sie Schutz vor der unendlichen Grausamkeit ihrer eigenen Pflichten. Wenn der ewige Winter ihre Seele einzufrieren droht, so sind es meine Lieder, die ihr Wärme schenken.
Sie, vor der der gesamte Wald erzittert, hat sich innerlich ohne jede Gewandung nicht als Jägerin in diesen Kreis begeben und mich stumm um Verzeihung und Nähe gebeten, wenn die Last der Welt zu schwer wurde.
Es ist ein Bund der wechselseitigen, freiwilligen Unterwerfung. Ich unterwerfe mich ihrer Klaue in der Welt der Lebenden, und sie unterwirft sich der moralischen Wärme meines Feuers in der Stille der Nacht.
Versteht ihr nun, warum dieser Kreis so wichtig ist?
Es ist der einzige Ort, an dem eine Jägerin wie si ihre blutige Routine ablegen und Absolution erfahren kann. Und genau deshalb musste ich sie an diesem Feuer verteidigen, als der Verrat des Wiedergängers Cathu unsere gesamte Welt zu entweihen drohte…“ – Ach jetzt fange ich schon wieder vonn diesem Kater an. Verzeiht, meine Freunde.
