Wer gerade von einer Gitarre wechselt, wird feststellen, dass seine Laute irgendwie schnarrt, scheppert, oder die Saiten sich irgendwie „matschig“ anfühlen, die Töne beim Anschlagen sich verziehen, ja, sogar unsauber sind, oder aber sich ein schriller und disharmonischer Geräuschmatsch aufbaut. Als Folge versucht man, dem Instrument seinen Willen aufzuzwingen, und das Schnarren und Scheppern der Saiten ist eigentlich ein Protest des Instruments gegen eine zu harte, zu laute und zu mechanische Welt:
Eine echte Laute ist keine Gitarre oder Gitarrenlaute
Die Laute ist ein Niederspannungsinstrument. Während eine moderne Gitarre massive Zugkräfte aushalten muss, um einen perkussiven, lauten Ton zu erzeugen, ist die Laute auf maximale Resonanz bei minimalem Widerstand ausgelegt. Dieser physische Unterschied führt direkt zu dem „grausamen“ und frustrierendem Erlebnis, wenn ein unvorbereiteter Gitarrist
das Instrument übernimmt:
Ein klassischer Gitarrist ist darauf trainiert, mit Kraft in die Saite zu greifen (Apoyando), um Projektion zu erzeugen. Bei der Laute führt genau diese Kraft allerdings dazu, dass die Saite zu weit ausschwingt und gegen die Bünde oder die benachbarte Saite des Chores schlägt…
Aber alles der Reihe nach:
Jahrhunderte im Zeitraffer
Die Anfänge
Das Musikverständnis in der Barockzeit war ein völlig anderes. Man verstand Musik nicht als Grundrauschen oder Beherrschend, sondern vielmehr als die Möglichkeit, Sprache ohne Worte zu übermitteln:
Ein kurzes Stück war damit gleichgestellt mit einem prägnanten Aphorismus oder ein kurzes Gedicht,
nur eben nicht in Worten, sondern in Tönen und Klangfarben. Das narrative Spiel (das Ausdehnen, das bewusste Zögern, die Variation) ist das, was die Musik lebendig macht. Barden nutzten das Instrument, um eine Atmosphäre zu erschaffen und musikalisch zu untermalen. Und Barden waren „Dichter der Intonation“, sie haben hier selten eine „Partitur“ aufgeschlagen, um Note für Note einzeln abzuliefern – er wurde auch nicht daran gemessen, 35 Mal dasselbe Lied mechanisch runterzuballern. Er wurde daran gemessen, wie er mit der Stille und der ruhe im Spiel Klangbilder erzeugte, die die Umgebung einfangen und harmonisch begleiten kann.
Ein guter Barde war nicht zwangsläufig lauter als alle, um sich Gehör zu verschaffen, er schaffte in seinem Umfeld vielmehr mit einem sanften Klangteppich zunächst eine
Stille, die er dann mit gespielten Worten füllen konnte.
Perkussiv vs. Vokal – der leise Unterschied
Diese Herangehensweise spiegelt sich auch in der Konstruktion einer Laute wieder:
Anders als die Gitarre gibt die Laute als Niederspannungsinstrument den Saiten Spielraum, in Harmonie mitzuschwingen, was eine gewisse Klang-Trägheit zur Folge hat.
Eine Laute baut zeitversetzt zum eigentlichen Spiel einer Saite eine mächtige Eigenschwingung auf, die sich nach und nach unterschwellig durchsetzt. „Klangmatsch“ entsteht dabei, wenn das Spiel zu schnell, hektisch oder einfach auch zu kraftvoll ausgeführt wurde. Wer also zu schnell spielt, neigt dazu, die physikalische Reaktionszeit des Musikinstruments zu „überholen“. Die neuen Töne kollidieren in dem Fall mit der noch im Aufbau befindlichen Resonanz der alten Töne. Es entsteht kein Akkord, sondern ein akustischer Stau oder eine Resonanzüberlagerung.
Daraus ergeben sich konzeptionelle Unterschiede in der Spielweise:
1. Fokus auf Sustain
Während der Gitarrist den Moment des Anschlags kontrolliert, kontrolliert der Lautenspieler den Moment des Ausklingens. Man spielt nicht gegen die Stille, sondern man nutzt sie, um dem Instrument den Raum für seine „Eigenschwingung“ zu geben.
2. Vokale Linienführung
Das Spiel wird „vokal“, weil wir die Töne wie Atemzüge behandeln. Ein Ton darf nicht einfach abrupt enden; er muss in den nächsten übergehen oder langsam „sterben“, um die harmonische Verbindung zur Cantino (der obersten Saite) oder den Bass-Chören aufrechtzuerhalten.
3. Intention statt Kraft
Da die Laute auf maximale Resonanz bei minimalem Widerstand ausgelegt ist, ersetzt die präzise Intention die körperliche Kraft. Ein sanfter, fast „gezogener“ Anschlag regt das Holz weitaus effektiver an als ein harter Schlag, der das System nur in Schwingung versetzt.
Ein weiterer großer Unterschied liegt in der Anwendung

Perkussive Instrumente haben zwei grundlegende Funktionen – sie stehen entweder als Frontinstrument sehr laut im Vordergrund, oder dienen als Begleitinstrument im Hintergrund. Darum findet man sie entweder ganz oben in den Tönen oder aber in den Tiefen lagen.
Durch das klare Klangbild und der Tatsache der bereits erwähnten Kontrolle des Saitenanschlags erlaubt das Gitarrenspiel einen geschickten Wechsel zwischen „Oben und Unten“, aber weniger das „Dazwischen“, denn für die komplexen Mitteltöne und Schwingharmonien ist ein perkussives Instrument nicht ausgelegt: Eine Gitarre hat zwar einen scharf profilierten, und sehr schnellen klang, opfert aber hierfür die harmonisch träge Komplexität in der Mittellage.
Die Laute hingegen ist durch ihren birnenförmigen, dünnwandigen Korpus und die insgesamt niedrige Saitenspannung ein Spezialist für eben genau diese Mitten-Resonanz. Im Gegensatz zu einem perkussiven Instrument bietet sie die notwendige Voraussetzung für das „Dazwischen“, kämpft sich aber dafür lediglich nur mit Akzenten durch das helle „Oben“ oder dunkle „Unten“.
Dieser Unterschied macht sich bemerkbar, sobald man ein Lautenstück auf einer Gitarre spielt.
Auf der Gitarre wird das Stück im Anschlag der Saite gespielt, und bedingt durch die Spannung der Saiten entsprechend schneller, da der Ton der Saite seine Kraft und Bedeutung im Ausklang verliert. Als Konsequenz wird das Spiel nach klassischer Betrachtungsweise sehr klar, hell, strukturiert, aber auch vergleichsweise zu schnell, und fast schon hektisch, um dem Harmoniebild gerecht zu werden. Auf einer Laute spielt man dasselbe Stück im abklingenden Ton und seinem Nachhall. Die Herausforderung liegt weniger darin, scharf strukturierte Einzeltöne zu produzieren, die laut herausstechen, sondern den schwingenden Ton nicht ruckartig zu unterbrechen, und stattdessen eine Überleitung in das nächste Klangbild zu schaffen, die den Resonanzkörper der Laute nicht überfordert. Das erfordert aus sich selbst heraus zwangsläufig eine sehr viel langsamere und meditativ fließende Spielweise.
Warum sind Lautenstücke oftmals so „kurz“?

Das hängt mit dem Selbstverständnis zur Ästhetik von Musik, der Funktion des Barden in Verbindung mit dem vokalen oder narrativen Charakters des Musikinstruments zusammen. Ein Lautenstück muss keine „lange Partitur“ haben, die dem Interpreten vorgibt, wie er ein Stück zu spielen hat. Da reichen zwischen 6 und 20 Takte aus. Nur mal zum Vergleich: 6 Takte ergeben in sich 4096 Kombinationen, wenn diese noch aus kombinierbaren Halbtakten bestehen, werden es im Idealfall 6*2 Takte, also eine unvorstellbar große Variationsmöglichkeit des selben Themas, die sich durch Effekte wie das Umspielen, das Ausdehnen oder auch Zögern noch um Nuancen und Variablen massiv erweitern. Sowohl Länge als auch Klangbild des Werkes sind unvorhersehbar, wobei die 6 Takte an dieser Stelle einen gewissen Stil mit Wiedererkennungswerk auslösen.
Für Lautenmusik bedeutet das:
Hier spielt Fian, der Barde, und nein, er wird das Lied kein zweites Mal so hinbekommen, (wie auch?) … Das Thema könnte von ihm selber, von Turlough O’Carolan, aber der Song aus der Allianz-Werbung von 1990 sein. Es ist die Hochachtung an die atmende Musik an sich.
Eine Gitarrenpartitur funktioniert grundlegend anders. Hier hat ein Komponist eine klar reproduzierbare Bedienungsanleitung in Form von Noten geliefert, die 1:1 zu befolgen ist und sich traditionell in Einleitung, Hauptteil und Schlussakt unterteilt. Ein Künstler hat lediglich noch im Rahmen der Vorgaben eng gesteckte Optionen, das Klangbild zu beeinflussen. Töne, Anschlag, Intonation und Sustain legt der Komponist akribisch fest. Hinzu kommt, dass die Gitarre ein schnelle und kurzlebige Spielmethodik verwendet, wodurch in kürzerer Zeit weit mehr Töne gespielt werden müssen. Das macht sich auf dem Papier in Form einer Partitur bemerkbar.
Für Gitarrenmusik bedeutet das:
Hier spielt ein Künstler Gitarre, und er spielt Lagrima von Fernando Sor. Er wird es wieder spielen können, und es wird wieder Lagrima von Fernando Sor sein. Vor ihm liegen ‚zig Seiten Notenpartitur. Es ist die Hochachtung an die technische Perfektion des Interpreten, das Studium der Noten, und schlussendlich das Werk des Komponisten, dessen persönliche und unverkennbare Note wiedergegeben wird.
Wenn du also das nächste Mal die Laute zur Hand nimmst und das vertraute Schnarren hörst, dann wisse: Es ist kein technischer Fehler. Es ist vielmehr die Einladung deines Instruments, das Tempo zu drosseln, den Druck herauszunehmen und den Raum zwischen den Tönen mit Aufmerksamkeit zu füllen. Wir haben nun gesehen, dass die Laute kein Instrument für die mechanische Reproduktion ist, sondern ein Partner für das Hier und Jetzt. Sie verbündet sich mit ihrem Spieler, wenn er bereit ist, die Kontrolle der Gitarre gegen die Freiheit des Nachhalls einzutauschen.
Man braucht nicht zwangsläufig drei Seiten Noten, um eine Welt zu erschaffen. Im Zweifelsfall reichen sechs Takte und das Vertrauen in die Mitten-Resonanz, um alle um einen herum zu verzaubern. Doch wie navigiert man durch diese Freiheit, wenn das Sicherheitsnetz der Partitur fehlt? Wie findet man in diesem „trägen Dazwischen“ die richtigen Töne, ohne sich im Klangmatsch zu verlieren?
Das würde an dieser Stelle ein wenig zu weit gehen, denn es ist ein Thema für sich:
Die Welt der Heimatakkorde. Wir werden uns ansehen, wie man mit nur einer Handvoll Griffen und dem Wissen um die F-Stimmung genau jene Klangteppiche webt, mit denen eine Geschichte erst zum Märchen wird.
Bis dahin, gehabet Euch wohl, werte Reisende!
