Weniger ist manchmal mehr

In den vorangegangenen Artikeln haben wir gesehen, dass die Laute eher ein Partner ist, dem beim Spielen mit innerer Ruhe und dem Mut zum Fluss zu begegnen ist – einfach, weil das Klangvolumen sich träger aufbaut und in sich anders als bei einer Gitarre funktioniert.
Jetzt wird es etwas wissenschaftlich: Jedes Saiteninstrument hat eine sogenannte Einschwingphase, die je nach Instrument und Anschlagsart stark variiert und komplexe Klangmuster bildet. Bei der Laute ist diese bauartbedingt besonders eigenwillig:
Der Impuls durch die Hand
Im Moment des Anschlags hört man den Finger auf der Saite als mechanisches Knacken – die Energie wird übertragen. Das ist noch kein harmonischer Ton, sondern ein perkussives Geräusch. Bei rauer Hornhaut oder unsauberem Anschlag wird dies von einem eigenwilligen Schaben begleitet. Dazu später aber noch einmal etwas mehr.
Ausklang und Pitch Drift
Danach braucht die frei schwingende Saite Zeit, um ihre Eigenfrequenz zu finden. Wie schnell das geschieht, hängt vom Material und der Spannung ab. Eine Westerngitarre mit Stahlsaiten zum Beispiel hat eine weitaus höhere Spannung als eine klassische Gitarre mit Nylon. Wer wechselt, merkt sofort, dass Stahlsaiten direkt und hell reagieren, aber kaum technische Fehler beim Spielen verzeihen.
Die Laute funktioniert genau umgekehrt: Da Lautensaiten eine sehr geringe Spannung haben (oft nur 2,5 bis 3,5 kg pro Saite, im Vergleich zu 7–10 kg bei der Gitarre), schwingen sie anfangs ungewöhnlich weit aus. Diese weite Auslenkung führt physikalisch bedingt zu einer kurzzeitigen Tonhöhen-Erhöhung, einem Pitch Drift, da die Spannung im Moment der maximalen Auslenkung höher ist als im Ruhezustand:
Prinzipiell sucht die Saite offen hörbar ihren harmonischen Ton, während er gespielt wird.
Der Hals als lebendiges System
Um die Angelegenheit unnötig komplex zu gestalten, halten bei einer historischen Laute die Steckwirbel zudem ausschließlich durch Haftreibung. Wird eine Saite hart angeschlagen, wirkt sich das auf den gesamten Wirbelkasten aus. Die Wirbel und das Holz geben leicht nach, und der gesamte Hals wird zu einer Art Federmechanismus, bei dem einzelne Mikro-Bewegungen am festen Ende der Saite sich nach dem Zufallsprinzip aufschaukeln oder gegenseitig dämpfen. Dieses Phänomen verlängert eklatant die Zeit, die die Saite braucht, um in ein stabiles, harmonisches Schwingungsmuster zu fallen – etwas, das bei einer Gitarre mit ihrer eher starren Konstruktionsweise kaum vorkommt.
Warum dieses Phänomen hörbar ist
Das menschliche Gehör benötigt etwa zwischen 30 und 50 Millisekunden, um eine Tonhöhe stabil zu identifizieren, und etwaige Disharmonien zu erkennen. Alles darunter nehmen wir eher als „Klick“ oder „Plopp“ wahr.
Während eine Gitarre oft schon nach 10–20 Millisekunden ein klares Obertonspektrum liefert, kämpft bei der Laute das System aus Wirbel, Hals und weicher Saite bis zu 50 Millisekunden noch um das finale Klangbild. In dieser Phase entscheidet sich, welches Element die Farbe des Tons prägen wird, mit dem Ergebnis, dass eine Gitarre bei gleichem Anschlag fast immer gleich klingen wird, während die Laute hingegen die Frechheit besitzt, jedes Mal ein kleines bisschen neu entscheiden, wie sie denn klingen möchte.
Dieses willkürliche Eigenleben macht das reine Akkordspiel mit gegriffenen Akkorden auf der Laute zu einem Glücksspiel, da jede Saite ihre eigene Klangfarbe in Echtzeit immer neu erfindet.
Die Kunst der Reduktion: Muss man alle Saiten nutzen?
Seien wir ehrlich: viele Saiten, und jede Menge mögliche Akkorde mit saftigen Bass-Saiten – Ja, die Versuchung ist groß, das Griffbrett wie bei einer Gitarre mit Akkorden vollzupacken, um Klangfülle zu erfahren. Und genau das wird nicht funktionieren:
Ein Solostück für Barocklaute gewinnt oft an Tiefe, wenn wir uns von der Vorstellung des Vollakkords lösen.
Teilakkorde und der Style Brisé – ein Praxisbeispiel:
Statt eines blockhaften G-Dur-Akkords zu setzen wird lediglich die Terz zum Bass gespielt.
Durch das versetzte (gebrochene) Zupfen der Saiten bekommt jeder Ton genug Zeit für die individuelle Findungsphase von 50 Millisekunden, und man vertraut auf ein psychologisches Phänomen: Das menschliche Gehirn liebt Ordnung, und ergänzt einfach die fehlenden Töne, insbesondere mit einer harmonisch ausgeführten Umspielung oder Triole.
Für eine Laute kann man grundsätzlich also sagen: Das geschickte Spiel erschafft eine akustische Illusion, die weitaus eleganter wirkt als klanglich das Instrument technisch perfekt ausgeführt mit ganzen Akkorden zu „belästigen“. Die Stärke der Laute liegt in der Mitten-Resonanz, und ein massiver Akkord in den tiefen Basschören erstickt diese feinen Obertöne. Weniger gegriffene Saiten lassen dem Instrument mehr Luft zum Atmen.
Die Magie der leeren Bordun-Saiten
Warum bewirkt eine einzelne, leer schwingende Bordun-Saite oft mehr als ein kunstvoll gegriffener Akkord?
Um das zu verstehen, muss man sich vor Augen halten, dass ein Bordun kein schnöder Begleitton ist, sondern eher ein Zustand, der den Raum definiert, innerhalb dem sich die Melodie bewegen kann. Ein sauber ausgeführter Bordun ist ein mehr oder weniger durchgehender Ton, der sich unter eine beliebige harmonische Melodie legt. Wie sich ein Bordun bemerkbar macht, hängt stark davon ab, wie er angewendet wird. Da gibt es prinzipell zwei grundlegend unterschiedliche Herangehensweisen.
Passiv genutzte sympathische Resonanz:
Die Bordune der Barocklaute sind nicht nur für den tiefsten Ton da. Wenn Sie eine Melodie auf den oberen Chören spielen, schwingen die leeren Bass-Saiten (Bordune) harmonisch mit, auch wenn sie primär nicht zu hören sind, was Saiten im mittleren Tonbereich mitzieht. Der Gesamtton verändert seine Klangfarbe, und wird in sich voller, und das Mitschwingen wirkt sich positiv auf die allgemeine Klangstabilität aus, da die langsam schwingenden Bass-Saiten einen positiven Einfluss auf die Resonanzschwingungen der Obertöne haben.
Aktiv gezupft als Effektgrundlage:
Ein einzelner gezupfter Basston liefert ein stabiles Fundament, das über Sekunden hinweg trägt. Er füttert den Korpus mit einer Grundfrequenz, die so sauber ist, dass sie eine Melodie stützt, ohne mit der oben beschriebenen Einschwing-Disharmonie der Greifhand-Akkorde zu kollidieren. Zusätzlich haben die tiefen Bordun-Saiten einen sehr dominanten Schwingungseffekt, harmonisch verwandte Saiten und Töne werden schneller auf ihre Zielresonanz geleitet, da sie von der Bordunsaite zum Mitschwingen angeregt werden. Das erlaubt eine schnellere Spielweise, ohne den disharmonischen Klangstau zu provozieren.
Die 5 goldenen Regeln des Spiels:
1. Die 50-Millisekunden-Geduld
Akzeptiere, dass die Laute kein „Instant-Instrument“ ist.
Da das System aus Wirbel, Hals und weicher Saite Zeit braucht, um sich zu ordnen, solltest du Tönen den Raum geben, sich zu finden. Wer hetzt, hört nur das mechanische Knacken, wer mit Gefühl wartet, hört den Ton.
2. Style Brisé als Standard, nicht als Ausnahme
Löse dich vom Zwang des blockhaften Akkords. Das versetzte Zupfen der Saiten ist kein technisches Defizit, sondern eine physikalische Notwendigkeit. Es gibt jeder Saite ihr eigenes 50-Millisekunden-Fenster und erlaubt dem Gehirn des Zuhörers, die Harmonie elegant selbst zu vervollständigen.
3. Vertrauen in die Bordun-Saiten
Nutze die Bordun-Saiten aktiv als Anker. Ein sauber gezupfter Bass ist nicht nur ein tiefer Ton, sondern ein energetisches Signal, das die Melodie-Saiten im Diskant führt, und schneller auf ihre Zielresonanz leitet. Die Bässe einer Laute müssen nicht wumms bieten, sondern stabilisieren das gesamte Schwingungsgefüge.
4. Mut zur akustischen Lücke
„Belästige““ die Laute nicht mit massiven Griffbrett-Akkorden. Die wahre Fülle der Laute liegt in ihren Mitten und Obertönen. Je weniger Saiten du aktiv greifst, desto mehr Luft zum Atmen hat der Korpus. Reduktion in der Greifhand bedeutet oft einen Gewinn an Klangtiefe im Raum.
5. Das Spiel mit dem Pitch Drift
Die Laute ist ein lebendiges System, das empfindlich auf Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Anschlagsstärke reagiert. Sie wird jedes Mal ein bisschen anders klingen. Versuche nicht, diese Varianz zu unterdrücken, sondern lerne, mit dem Drift zu spielen. Die Laute ist kein Computer – sie ist ein Partner mit Eigenleben.
Und niemals vergessen, dass Lauten launisch sind.
Sie haben manchmal auch einfach mal keine Lust, aus welchem Grund auch immer,…
